„Die Tagesordnung“. Éric Vuillard, der Bestsellerautor aus Frankreich, hat einen Roman über den Teufekspakt der Großindustrie mit Hitler geschrieben.

Sagen wir es gleich: ein zugleich ärgerliches wie aufregendes Buch. Man stolpert in dieser Tagesordnung in so manche ideengeschichtliche Plattheit, und doch fällt es von Kapitel zu Kapitel schwerer, das Buch des französischen Bestsellerautors Éric Vuillard aus der Hand zu legen.

Schon zur Wahl Anfang März 1933 gibt es ein gegenseitiges Versprechen

Die Geschichte selbst ist schnell erzählt. Vuillard lässt sie am 20. Februar 1933 beginnen, jenem Tag, an dem der frisch ernannte Reichskanzler Adolf Hitler 24 deutsche Industriekapitäne in das Berliner Palais des Reichstagspräsidenten Hermann Göring geladen hatte, um sie mit dem Versprechen, ihre Wirtschaft im Falle seines Sieges bedingungslos zu fördern, zu überzeugen, bei den für den 5. März anberaumten Neuwahlen für die NSDAP zu stimmen. Erst mit der Unterstützung der Großindustrie sei Hitler in der Lage gewesen, diese entscheidende Wahl zu gewinnen, den Staat zur Diktatur umzuformen und Wirtschaft und Industrie konsequent auf Kriegsproduktion auszurichten. Vuillards Erzählung, durchaus geschickt aus Originalzitaten, Quellenbruchstücken und Zeitsprüngen montiert, endet mit Hitlers Einmarsch in Österreich am 12. März 1938, den der Autor als geradezu humoresken Auftakt eines weltweiten Totentanzes inszeniert.

Eine gewisse bizarre Komik einer gespenstischen Szene

Das nationalsozialistische Verhängnis mit dem wirtschaftlich-politischen Teufelspakt beginnen zu lassen, ist gewiss plausibel; vor allem ist es dramaturgisch schlüssig, zumal die Szene jener schicksalhaften Versammlung nicht ohne eine gewisse bizarre Komik ist: wie die älteren Herren, darunter Wilhelm von Opel, Gustav Krupp oder Günther Quant, sich die langen Treppen hinaufquälen, wie sie umständlich ihre Mäntel und Hüte ablegen, sich geräuschvoll schnäuzen, um sich endlich in die bequemen Sessel fallen zu lassen – das hat den Zug einer Groteske. Schließlich ist Vuillard Romancier, er darf mit den Fakten freier umgehen als der Historiker und kann längst zum Standardwissen zählende Ereignisse völlig neu erfinden.
Dabei allerdings bemüht Vuillard Vergleiche, die selbst eine gewisse bizarre Komik haben – so beispielsweise, dass Johann Gottlieb Herders Gedanke, jene mystische „Volksseele“ sei die Kraft, die ein Volk im innersten zusammenhalte, bereits im 18. Jahrhundert geholfen habe, Hitlers Weg zu ebnen.

Das technische Fortschrittsideal war eben nicht nur faschistisch

Und in seinem Bemühen, den Mythos der Moderne als einer Epoche des segensreichen Fortschritts zu zerstören, webt er selbst das Garn einer altbekannten Geschichtsmythologie: Demnach sei die NS-Diktatur die Folge eines eben schon in der Romantik beginnenden und irgendwie unaufhaltsamen Fatums gewesen. Damit aber hängt sich Vuillard an ein geschichtsphilosophisches Modell an, das längst auf den Schrottplatz ausrangierter Ideen geschoben ist.
Paradoxerweise liegt aber gerade hier der Grund verborgen, weshalb man sich dennoch mit diesem Buch befassen sollte. Denn unter dem straff gespannten Text zeichnet sich der Schatten einer Denkfigur ab, die zumal in Deutschland brisant und höchst umstritten ist: dass nämlich die europäischen Demokratien der Nachkriegszeit in mancherlei Hinsicht Fortsetzungen der faschistischen und nationalsozialistischen Diktaturen seien. Und zwar vor allem, weil sie den technischen, industriellen und wissenschaftlichen Fortschritt, der gerade in der Kriegswirtschaft Hitlers einen ungeheuren Aufschwung nahm, zum absoluten Wert erheben, gegen den die traditionellen europäischen Werte der Kunst und Moral verschwinden.

Ist Wohlstand wichtiger als Demokratie?

So weist also Vuillards Text auf die Zwiespältigkeit einer gerade im Dritten Reich forcierten Moderne hin, deren Errungenschaften auch dem Guten dienen, deren Rückseite aber in einem unermeßlichen Vernichtungspotential besteht. Etliche Denker der Moderne wie etwa Ernst Jünger haben in ihren Schriften vor allem in der Nachkriegszeit eindringlich diese Zwiespältigkeit aufgezeigt. Sie beherrsche, laut Jünger, die demokratische Bundesrepublik nicht weniger als sie den nationalsozialistischen Staat beherrscht hatte.
In Frankreich, wo Jünger ein weit höheres Ansehen genießt als in seinem eigenen Land, gehört dieser politische Blick auf die Schattenseite des modernen Fortschritts seit dem Ersten Weltkrieg zum geistigen Rüstzeug der Intellektuellen. Und davon ist eben auch Vuillards Erzählung imprägniert.
Genau das aber macht das Buch dieses sich in der Pose des weltgeschichtlichen Chefanklägers gefallenden Autors trotz seiner klapprigen Geschichtsphilosophie zur Herausforderung, richtet sich dieser vierte bei uns erschienene Titel Vuillards doch schroff gegen das Selbstverständnis einer demokratischen Bundesrepublik, die ihr Identitätsgefühl nicht zuletzt daraus bezieht, sich zu einer Gesellschaft friedlicher Ingenieure, Autobauer und -fahrer gewandelt zu haben.        
    
Éric Vuillard: „Die Tagesordnung“ (Übersetzung: Nicola Denis, Matthes & Seitz, 128 S., 18 Euro)