Residenztheater Vom Lieben und Scheitern in Amerika

Wüstengras, ein leerer Horizont und Menschen, die um Liebe kämpfen. Foto: Thomas Dashuber

Carson McCullers Novelle „Die Ballade vom traurigen Café” im Residenztheater

 

Das Herz ist ein einsamer Jäger”: Der Titel ihres ersten Romans, der die 23-jährige Carson McCullers 1940 berühmt machte, durchzieht leitmotivisch das Werk der US-Autorin. Ihre Protagonisten sind Außenseiter, die in keine Norm passen. „Die Ballade vom traurigen Café” hat gleich drei solcher Anti-Helden, die verzweifelt und unerwidert lieben. Edward Albee dramatisierte die Novelle 1963 für den Broadway, Hans Schweikart inszenierte das Stück 1964 mit Maria Wimmer, Rolf Boysen und Heinz Schubert an den Münchner Kammerspielen. Nun hat Regisseur Walter Meierjohann am Residenztheater das reichlich patinierte Drama wiederbelebt – als halbherzige Mischung aus Südstaaten-Elegie und Italo-Western.

Die Geschichte dreier vergeblicher Lieben und einer großen Rache erzählt August Zirner. Einsam fächelt er sich mit dem Hut Luft zu in der Hitze, die ein leerer Horizont und eine Ebene mit Wüsten-Gras suggerieren (Bühne und Kostüme: Johanna Pfau). Zirner schafft als rückblendender Erzähler eine wunderbare Balance zwischen Lockerheit und der Unbeholfenheit, die er als wortkarger Henry Macy in den Spielszenen zeigt. Der Horizont wechselt die Farben, ins Ödland senkt sich ein Hausgerüst: Laden und Wohnung von Miss Amelia, die in dem Kaff Whisky verkauft. Alle fürchten die junge Geschäftsfrau, sie nimmt es an Schlagkraft mit jedem Mann auf. Nur einen reizt ihre Sprödigkeit: den Weiberhelden Marvin Macy. Für Amelia wird der Taugenichts ein besserer Mensch. Und sie heiratet ihn tatsächlich – aber nur, um ihn aufs Grausamste zu demütigen, bis er flieht. Denn sie ist unfähig, Liebe anzunehmen.

Vom Komiker zum Rächer

Aber sie will Liebe geben, als sich ein buckliger Zwerg – angeblich ihr Vetter Lymon – bei ihr einnistet. Zwischen Amelias asozialer Härte und der unerklärlichen Zuneigung zu Lymon bleibt Juliane Köhler im Klischee der grob-polternden Jeans- und Stiefelfrau stecken und die Gefühlsseite schuldig. Mehrdeutiger spielt Markus Hering den Lymon, auch mit einer großartigen physischen Leistung: Ein wehleidiger, erpresserischer Schmarotzer und bösartiger Clown, der seine groteske Verkrüppelung zur Attraktion und Amelias Laden zum florierenden Café macht. Das heikle Gleichgewicht kippt mit der Rückkehr des Zuchthäuslers Marvin, dem Lymon plötzlich wie ein höriger Dackel folgt. Michele Cuciuffos Marvin versucht sich erst als Westernheld, dann als schüchterner Komiker und schließlich als Rächer.

Mit Logik, gar Psycho-Logik kommt man diesen einsamen Herzen auf ihrer aussichtslosen Liebes-Jagd nicht bei. Meierjohanns konventionelle Inszenierung beschränkt die meisten Figuren auf Stereotypen. Mit mehr Mut zur Groteske könnten vielleicht die Dörfler über Karikaturen hinauswachsen. Und wenn Amelia bei Marvins Heiratsantrag eine Huhn-Attrappe rupft, ist man peinlich berührt. Die Musik und die Songs von Jacob Suske (er spielt live mit Tobias Weber) zwischen Country, Blues, Rock und Melancholie glätten mehr als aufzurütteln.
Das Ende ist Geschmacks- und Interpretationsfrage: Nach dem finalen Zweikampf sitzt Amelia da wie ein traumatisierter Zoo-Affe und dreht ständig den Kopf. Zur sonst eher brav-realistischen Inszenierung passt es nicht.

Residenztheater, 23. März, 4., 7., 13., 21. April, 4. Mai 2013

 

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