Residenztheater: Philipp Lahm als Generationsvorbild Marstalltheater: "Philipp Lahm" als braver Y-Chromosomenträger

Gunther Eckes in „Philipp Lahm“, ohne Ähnlichkeit – aber darauf kommt es bei diesem wunderbaren Stück auch gar nicht an. Foto: Julian Baumann

Ein geistreicher Marstall-Abend über unsere saturierte Angepasstheit: Der unterhaltsame Monolog „Philipp Lahm“ von Michel Decar

Mit seinem lichten Haupthaar erinnert Gunther Eckes ein wenig an Mehmet Scholl. Aber nun spielt er einen anderen der vielen Stars vom FC Bayern: Philipp Lahm. Der 34-jährige Ex-Fußballer hat das Zeug zum Helden, denn so siegreich verliefen nur wenige andere Kicker-Karrieren. Lahm war als Kapitän der Nationalmannschaft Weltmeister, triumphierte ein Mal in der Champions League, war sieben Mal deutscher Meister und sechs Mal DFB-Pokalsieger. Vor wenigen Wochen wurde er zum Fußballspieler des Jahres gekürt.

Fußball? Nur am Rande!

Jetzt erobert er als Titelheld sogar das Theater. „Philipp Lahm“ wurde im Marstall uraufgeführt. Das von Robert Gerloff straff und mit unaufdringlichem Witz inszenierte Solo unterläuft dann aber souverän alle Erwartungen, die an einen Schauspieltext über einen erfolgreichen Sportprofi gestellt werden könnten. Es gibt Heldenverehrung so wenig wie die Demontage eines Publikumslieblings. Fußball überhaupt kommt nur am Rande vor und der Schauspieler Gunther Eckes muss Philipp Lahm nicht imitieren oder parodieren, denn, genau genommen, geht es in „Philipp Lahm“ nicht einmal um Philipp Lahm.
Wie es dazu kam, berichtet ein gleichfalls von Eckes gespielter Drehbuchautor, der vom indonesischen Kulturamt den Auftrag erhalten hatte, einen Film über Philipp Lahm zu schreiben. An dieser Aufgabe scheiterte er zwar, begriff aber das Revolutionäre einer so kantenlosen und fast immer kontrollierten Figur wie Philipp Lahm für die Zukunft des Erzählens: Die Ausgeglichenheit und das In-sich-Ruhen von Philipp Lahm enlarvt die Geschichte des Theaters und des Films als „konfliktgeile Dramaturgie toter Männer“ und Shakespeare oder Schiller als „kleingeistige Krawallbrüder und Querulanten“.

Was haben Sie gefühlt?

Michel Decar gab seinem Stück die Form eines Drehbuchs. Jede der 72 oft sehr knappen Szenen ist überschrieben mit „Innen / Nacht“. Erst am Ende leisten sich Eckes und Gerloff einen kleinen Gag, der nicht im Text steht: „Innen / Tag“ sagt Philipp Lahm und setzt kichernd ein „kleiner Scherz“ dazu.
Zu Scherzen ist dieser Philipp Lahm immer wieder aufgelegt. Als er gefragt wird, ob denn sein Leben wirklich so konfliktfrei sei, wie es scheint, erzählt er, wie er einmal auf dem Parkplatz einer Disko auf dem Schädel eines Bekannten seiner Schwester, der sie beleidigt hatte, eine Flasche zertrümmerte: „Kleiner Scherz“, natürlich.
Meistens aber beantwortet er auch blöde Fragen von Journalisten – „Was haben Sie gefühlt, als Sie den Champions-League-Pokal in die Höhe gereckt haben?“ oder „Was haben Sie gefühlt, als Sie erfahren haben, dass die Dinosaurier ausgestorben sind?“ – mit professioneller Artigkeit.

Egotaktik ohne Exzess

Philipp Lahm ist die Utopie einer idealen Generation Y: Behütet mit gutem Bildungshintergrund aufgewachsen, durchaus mit selbstbewusster „Egotaktik“, wie die Soziologen sagen, aber jedem Exzess abhold. Wenn Philipp Lahm es krachen lassen will, nippt er an einem Glas Maracujasaftschorle.
Ob der liebe „Philipp Lahm“ sich so lang auf den Spielplänen hält wie Shakespeares mörderischer Despot „Richard III.“, der kurz zuvor nebenan auf der großen Bühne Premiere hatte, wird von der Nachwelt entschieden. Aber fürs Heute hat Michel Decar eine feine Satire geschrieben, deren politische Substanz so klingt: „Es gibt ja im Grunde nichts Progressiveres, als wenn alles so bleibt, wie es ist. Dass alles so bleibt, wie es ist, das ist ja eine wahnsinnig radikale Idee. Und zwar eine radikal progressive. Da muss man erstmal draufkommen.“    

Marstall, 21. Dezember sowie 2., 10., 17. Januar, 20 Uhr, Tel: 2185 19 40

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