Residenztheater Nikolaus Habjan spielt „F. Zawrel – erbbiologisch und sozial minderwertig“

Nikolaus Habjan und seine Puppen. Foto: Nikolaus Habjan/Schubert-Theater Wien

Der Puppenspieler Nikolaus Habjan mit „F. Zawrel – erbbiologisch und sozial minderwertig“ im Residenztheater

Die alten Geschichten ruhen lassen: Nach diesem Motto lebte es sich in Österreich nach 1945 lange sehr bequem. Das Land stilisierte sich zum ersten Opfer der Nazis. Das lieferte die perfekte Verdrängung für gleich drei Tabus: die österreichischen Mittäter an den Verbrechen, den Austrofaschismus zwischen 1936 und 1938 und die Begeisterung über den sogenannten „Anschluss“, die De-facto-Annexion Österreichs durch das Deutsche Reich.

Eine Geschichte, deren sanfte Ruhe vom ärztlichen und juristischen Establishment begrüßt worden wäre, erzählt das Figurentheater „F. Zawrel – erbbiologisch und sozial minderwertig“. Nikolaus Habjan hat es schon über 160-mal gespielt. Gegenwärtig probt der Österreicher „Der Streit“ von Marivaux am Bayerischen Staatsschauspiel – die perfekte Gelegenheit für ein eingeschobenes Gastspiel seines preisgekrönten Stücks, das er gemeinsam mit dem Regisseur Simon Meusburger 2012 am Wiener Schubert-Theater erarbeitet hat.

Habjan ist Puppenspieler und schauspielerischer Partner seiner Puppen in einer Person. Er sitzt am Anfang als Nikolaus Habjan neben der Puppe von Friedrich Zawrel, der mit österreichischer Gemütlichkeit von Greueln und Grausamkeiten berichtet. Er wurde während der NS-Zeit in einer Kinderfürsorgeanstalt schikaniert und gefoltert. 1975 wurde er von seinem damaligen Peiniger Heinrich Gross psychiatrisch begutachtet. Als Zawrel den Arzt mit seiner Vergangenheit konfrontierte, versuchte der ihn in lebenslänglicher Sicherheitsverwahrung verschwinden zu lassen.

Ein Hauch von Helmut Qualtinger

Das Überraschende ist: Diese Geschichte ist als Figurentheater womöglich brutaler als mit Schauspielern. Nach einer Viertelstunde eines gemütlichen Gesprächs mit einem optimistischen und der Jugend vertrauenden Zeitzeugen wirft Habjan die Puppe ziemlich herzlos in eine Ecke. Er zieht einen weißen Kittel an, klebt sich zwei Kragenspiegel an: Er ist erst Polizist und dann der Pfleger Dvorak, der das Kind Zawrel mit Kaltwasser-, Wickel und Kotzkuren foltert.

In der Nacht erscheint Gross und beseitigt ein anderes Kind mit einer Giftinjektion. Den spielt Habjan mit einer schwarzen Sturmhaube, während er einen scharf gescheitelten Kopf in der Hand hält.

Gross’ Schreckensregiment in der Euthanasie-Klinik „Am Spiegelgrund“ war in der Nachkriegszeit kein Geheimnis. Manchem war die Herkunft der Hirne peinlich, mit denen er weiter forschte. Er wurde Mitglied der SPÖ, seine Macht als Gerichtsgutachter für Neurologie und Psychiatrie reichte weit. Er konnte sich lange mit Beleidigungsklagen wehren und lieferte im Jahr 1998 sein letztes Gutachten ab. Als der fast 90-Jährige doch noch vor Gericht gestellt werden sollte, redete er sich auf Demenz heraus.

Nikolaus Habjan findet für jede dieser Rollen eine eigene Stimme. Das macht er so gut wie der legendäre Helmut Qualtinger in der legendären Lesung der „Letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus.

„F. Zawrel – erbbiologisch und sozial minderwertig“ ist giftig und gallig. Aber leider angesichts der geschichtspolitischen Zeitläufte in Österreich und anderswo auch notwendig. Und auch immer voller Optimismus. Leider war es ein einmaliges Gastspiel. Aber das ließe sich ja ändern.

Eine DVD der Aufführung gibt es für 25 Euro zu bestellen unter www.nikolaushabjan.com/shop

Die AZ-App für Android und iOS

Android-App jetzt herunterladen iOS-App jetzt herunterladen!

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. null