Residenztheater Michael Thalheimer inszeniert "Richard III."

Hanna Scheibe (Königin Elisabeth) und Norman Hacker (Richard III.) Foto: Matthias Horn

Michael Thalheimer inszeniert am Residenztheater William Shakespeares „Richard III.“

Bei seinem vorangegangenen Einsatz im Residenztheater war Michael Thalheimer mit zu viel explizitem Sex unangenehm aufgefallen. Vor fünf Jahren hatte er einen triebgesteuerten „Sommernachtstraum“ inszeniert und damit eine Erregung provoziert, die überwiegend unbefriedigt ließ. Heuer ist er wieder mit William Shakespeare in München unterwegs – und der Beifall am Premierenabend war begeistert, einhellig und lang anhaltend. Der Applaus galt dem Mord-Spektakel um „Richard III.“, dem Prototyp des die Menschen tief verachtenden Herrschers.

Thalheimer verzichtet dankenswerterweise auf jeglichen Zeigefingerhinweis auf die aktuelle Nachrichtenlage. Sein Richard trägt kein hamsterförmiges Toupet im Trump-Style, sondern sein Haar offen. Auch nach der Erfindung der Psychologie gibt es kaum etwas, was Shakespeare nicht schon im 16. Jahrhundert über Autokraten wusste und in Theatertexte formte. Der Regisseur und sein Bühnenbildner Olaf Altmann bauten als Schauplatz ein zwar minimalistisches, aber umso finstereres spätes Mittelalter am Ende der „Rosenkriege“ zwischen den Yorks und den Lancasters.

Wenn sich der Vorhang hebt, stockt erst einmal der Atem: Der Zuschauer blickt in die nahezu vollständige Schwärze im Inneren eines monströsen, mit Holzbrettern ausgeschlagenen Turms. Der Boden ist von etwas bedeckt, was ergrautes Herbstlaub oder verbrannte Papierfetzen sein könnte. Hier herrscht Finsternis, die nur von wenigen Lichtstrahlen zerschnitten wird. Diese modellieren die Figuren in gleichfalls schwarzen, historisierenden Kostümen (Michaela Barth) in die Schwärze hinein. Einziger Farbtupfer ist das Mordwerkzeug des Killers Catesby (beunruhigend gemütvoll: Marcel Heuperman). Er stülpt seinen Opfern eine knallrote Plastiktüte über den Kopf und beendet damit sowohl deren Leben als auch deren Monologe.

Das Böse in seiner Pracht

Dabei spottet er „Blablablabla!“ und spricht aus, was dem Betrachter zumindest während der ersten der insgesamt zweieinhalb Stunden durch den Kopf ging. Thalheimers „Richard“ braucht sehr lange, um sich vom fuchtelnden Gebrüll, das den weit verzweigten Intrigantenstadel des Königsdramas nicht nur noch instransparenter macht, sondern immer wieder auch Momente unfreiwilliger Komik erzeugt, zu befreien. Hat man sich damit abgefunden, dass sich das Drama frühzeitig im moralischen Morast völlig festgefahren hat, stößt er unerwartet zu seinem Kern vor. Dieser Kern ist Norman Hacker als der titelspendende Bösewicht.

„Ich tauge nicht zu Staat und Majestät“ bekennt der König zutraulich dem Herzog von Buckingham (überraschend zurückgenommen und doch intensiv präsent: Thomas Schmauser) in einem der stilleren Augenblicke. Diese Selbsterkenntnis ist die Grundlage für Richards Selbstinszenierung: Alles an ihm ist Auftritt. Selbst der Buckel und die körperlichen Behinderungen des Despoten sind nur eine nach Bedarf ein- und auszuschaltende Show, für die sogar gelegentlich noch eine Sprachbehinderung zum Einsatz kommt.

Dem bedingungslos Bösen in all seiner Pracht zuschauen zu können, ist traditionell die Herausforderung für Schauspieler und das Vergnügen der Zuschauer bei „Richard III.“ Norman Hacker ist ein würdiger Richard-Darsteller, und hier mehr als nur gerahmt von einem starken Ensemble. Besonders speziell sind die adeligen Damen: Anna Drexler als betörend verhuschte bis bewegend vestörte Lady Anne, Hanna Scheibe als Königin Elisabeth mit viel leidenschaftlichem, aber hilflosem Zorn oder Sibylle Canonica als Margaret von Anjou, effektvoll wie einem Gothic-Horror-Comic entstiegen.

Residenztheater, 17., 18. Dezember, 7., 8., 30., 31. Januar, 19 Uhr, Telefon 21851940

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