Reportage aus der Heimat Zu Gast in Dornwang: So tickt Bayerns neuer Boss Herbert Hainer

Von der niederbayerischen Wursttheke über die Herzogenauracher Adidas-Konzernspitze ins FC-Bayern-Präsidentenamt: Herbert Hainer. Foto: dpa

Die Parallelen zwischen Uli Hoeneß und Nachfolger Herbert Hainer sind frappierend. Die AZ hat sich mal in der niederbayerischen Heimat des neuen Bayern-Präsidenten umgesehen – und umgehört.

 

Dornwang - Daumendick landet der Leberkäs in der Semmel. Für zwei dieser Riesendinger bezahlt man bei Sylvia Stiegler 3,13 Euro – prima Preis-Leistungs-Verhältnis. Seit 30 Jahren steht sie hinter jener Wursttheke, an der der künftige Präsident des größten deutschen Fußballklubs seine ersten Geschäfte abwickelte. Wo heute die Metzgerei Pflügler beheimatet ist, war früher Herbert Hainer zuhause.

Die Familie lebte im Haus nebenan. Als keiner der drei Söhne den Betrieb übernehmen wollte, wurde verpachtet, "an den Pfügler aus Wörth an der Isar", erzählt Stiegler, "die kannten sich vom Sauholen, wie man in Niederbayern sagt. Und das Rezept für den altbairischen Leberkäs hat ihm der alte Hainer auch überlassen.

Herbert Hainer ist wie Hoeneß ein Metzgersohn 

Wollen’s mal probieren?" Wieder ist die Scheibe daumendick, und während man so kaut, erzählt die Verkäuferin: "Der Hainer senior, das war schon Einer! Für Leberknödel hat er Rinder- UND Schweineleber zusammengemischt." Und der Herbert? "Mei, das war ja ein Highlight, wenn der mal da war." Zu der Zeit war Hainer jr. nicht mehr nur Metzgerssohn, sondern schon einer von den Wichtigen bei Adidas.

Dornwang, ein Bauerndorf bei Dingolfing. Kernige Landluft. Verfallene Höfe. Viel ist hier nicht los: Kirche, Kindergarten, Friseur, ein Schreiner und eben die Metzgerei, aber nur von Mittwoch bis Samstag. "Handwerklich, frisch, rein", so die Aufschrift im Schaufenster, nebenan ein Plakat des Katholischen Deutschen Frauenbundes. Herbert Hainer, der mittlere der Brüder, hat die Jahre im elterlichen Betrieb mal so beschrieben: "Mutter hat den Laden geführt, Vater hat geschlachtet, mit zwei Gesellen und zwei Lehrlingen. Am Sonntag hat Mutter Abrechnung gemacht, und wir wussten genau, wie viel wir in der Woche verdient haben. Da lernst du mit Geld umzugehen. Ich habe immer gern das Geld gezählt." Die Parallelen zum anderen Metzgersohn sind frappierend.

Der stand in Ulm hinter der Theke und berichtete einst von einer harten Schule: "Der Tag hörte dann auf, wenn die Arbeit gemacht war. Und wehe, da haben abends in der Kasse zehn Mark gefehlt." Die Rede ist von Uli Hoeneß. Er und Hainer sind seit 20 Jahren befreundet, seit Jahren ist Hainer stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender und erster Vize von Hoeneß gewesen. Im März 2014 übernahm er für ein halbes Jahr den Hoeneß-Thron, als dieser ins Gefängnis musste.

Hainer und Uli Hoeneß sind gute Freunde

Wer aber ist dieser hagere, unscheinbare Mann neben Hoeneß auf der Tribüne? Hoeneß sagte mal: "Der Herbert hat mich immer öffentlich verteidigt. Es kann kommen, was mag: Zwischen uns kann nichts mehr passieren. Uns treibt nichts mehr auseinander." Reinstes Hoeneß-Pathos. Kann Hainer auch: "Ein Freund, mit dem du weinen kannst, ist ein Geschenk."

Hoeneß stand ihm bei, als 2006 seine Tochter Kathrin (23) an Lungenembolie starb. Umgekehrt war Hainer einer der ersten, der Hoeneß im Gefängnis besuchte: "Das macht Freundschaft aus. Man steht zu seinem Freund, unabhängig von dem, was opportun ist." Brüder im Geiste: Da haben sich zwei gefunden.

Familienintern lagen bei Herbert Hainer die Löwen vorn

Mit dem Ball waren sie nicht gleich gut. Während der eine auf Rechtsaußen eine Weltkarriere hinlegt, bleibt der andere trotz Profi-Ambitionen in der Niederbayern-Auswahl hängen, als Linksaußen beim FC Ottering. Am mangelnden Ehrgeiz liegt’s nicht: Einmal soll Hainer den Schiedsrichter wegen eines Elfers gegen sein Team energischst bearbeitet haben – beim Stand von 8:0, in der 90. Minute...

Zehn Kilometer sind es von zuhause zum Training, durch Unterhollerau, vorbei an Obertunding, eine menschenleere Gegend, wo sich Rehe am helllichten Tag aus dem Wald trauen. 40-Jähriges hat die AH des FC Ottering gerade gefeiert, mit Sonnwendfeuer und Alleinunterhalter "Woife". Eine gewisse Zerrissenheit kann man dem Dorfklub zwischen Kirchturm und Pferdekoppel nicht absprechen:Während auf einer Blech-Werbebande "Einmal Löwe, immer Löwe" steht, heißt es ein paar Meter weiter "FC Bayern: Gehasst! Verdammt! Vergöttert!" Nebenbei der Songtitel der mehr als umstrittenen Band "Böhse Onkelz".

Familienintern lagen die Löwen vorn: Hainers jüngerer Bruder Walter spielte 1981 als Libero mit 1860 in der Bundesliga, mit einem gewissen Rudi Völler. Es reichte nur für drei Spiele. Während Hainers älterer Bruder Otto aufs Gymnasium darf und Lehrer wird, landet Herbert auf der Realschule, macht das Abi nach, schließt die Fachhochschule als Diplom-Betriebswirt ab.

Als Vorstand von Adidas: Hainer begegnet Hoeneß

Früh versucht er sich als Geschäftsmann: In Dingolfing macht er aus dem "Gußofen", einem Gasthaus von 1643, ein Pub – ein mutiger Schritt. Nach kurzer, erfolgreicher Zeit verkauft er wieder. Seit einem Jahr ist der Laden dicht. An der Tür plakatiert die Konkurrenz: Der Landauer Club "Upstairs" lockt mit Ü30-Party und 90er-Sound mit DJ Balou. Als wäre die Zeit stehengeblieben.

Hainer ist derweil in Siebenmeilenstiefeln unterwegs. Mit 25 heuert er bei Procter & Gamble an, vermarktet Windeln. "In diesen acht Jahren habe ich sicher am meisten im Management gelernt." Die nächste Stufe: Adidas, Sales Director Hardware für Taschen, Schläger und Bälle. Zehn Jahre später steigt er in den Vorstand der Aktiengesellschaft auf und lernt Hoeneß kennen, als er für Adidas, das an der FC Bayern AG beteiligt ist, bei den Verhandlungen dabei ist. Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Hainer sagt: "Erstens ticken wir in vielen Dingen relativ gleich. Und dann hat sich durch die Gespräche schnell Vertrauen aufgebaut." Hoeneß sagt: "Wenn wir verhandelt haben, habe ich nie etwas aufgeschrieben. Wir haben uns die Hand gegeben, und die Juristen haben hinterher gearbeitet. Da kam keiner vier Wochen später und hat gesagt, dies und das will ich anders haben."

Herbert Hainer: Vielfach ausgezeichneter Geschäftsmann

Von 2001 bis 2016 steht Hainer an der Spitze des Konzerns – nur Adi Dassler war länger Chef. Ein paar Zahlen zu Hainers Wirken: Bis auf 2009 steigert er jedes Jahr den Gewinn zweistellig. Den Umsatz hat er von 5,8 Milliarden Euro anno 2000 auf 19,3 Milliarden mehr als verdreifacht, den Börsenwert von drei Milliarden auf 33 Milliarden verzehnfacht.

Der Gewinn in seinem letzten Geschäftsjahr: eine Milliarde Euro – mehr als fünfmal so viel wie 2001. Es hagelt Auszeichnungen: Unternehmer des Jahres 2005, Deutscher Image-Award 2006, Bundesverdienstkreuz 2008, Manager des Jahres 2010, Bayerischer Verdienstorden 2011, Top 100 CEOs der Welt 2014 und 2015. Kritik? Nur die indifferente Haltung von Adidas angesichts der zig Fifa-Skandale verärgert manchen.

Als Hainer im Oktober 2016 zum Abschiedsspiel ins Adi-Dassler-Stadion von Herzogenaurach einläuft, trägt er wegen einer gebrochenen Schulter den Arm in der Schlinge, wie einst Franz Beckenbauer. Kurz vor Schluss verwandelt er einen Elfer, flach ins rechte Eck, 4:2 – für Hainers Elf. Einer, der immer zu gewinnen scheint.

Fragt man bei Adidas nach seinem Führungsstil, heißt es: Zielstrebig, fordernd, bestimmt, dabei immer fair, teamorientiert, mit Herz und Riesen-Leidenschaft für den Sport. Hainer selbst bezeichnet sich als hochgradig ungeduldig. Leute, die nur reden statt handeln: So was mache ihn fuchsig. Könnte spannend werden mit Rummenigge, Brazzo, Kahn & Co.

Lesen Sie hier: Mehr Urlaub wagen - Was Hoeneß nach seinem Abschied plant

 

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