Regensburg Das Museum für Bayerische Geschichte

Das berühmte Brett vor dem Kopf bei einer Demonstration gegen die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf. Foto: Haus der Bayerischen Geschichte

Das neue Museum für Bayerische Geschichte in Regensburg erzählt vom Leben der Menschen wie in einem Zeitroman

 

Wer in Regensburg stadteinwärts über die Steinerne Brücke geht, erkennt seit geraumer Weile eine ins Auge fallende Erweiterung der Stadtsilhouette. Links erhebt sich dort ein neues Museum, das sich alten Zeiten widmet. Dieses Neue inmitten des Alten bereichert nun also auch die Stadtlandschaft. Nach vier Jahren Bauzeit ist nun der 2008 vom damaligen Ministerpräsidenten Horst Seehofer geäußerte Wunsch Wirklichkeit geworden. Ein Museum für Bayerische Geschichte, vom Steuerzahler mit 95 Millionen Euro Bau-und Einrichtungskosten finanziert.

Wer drinsteht, wird überwölbt und überwältigt von einer frei zugänglichen, einladenden Empfangshalle, die luftig ist und einen famosen Rauten-Ausblick nach droben gibt, hinauf in einen Himmel, der manchmal ja tatsächlich weiß und blau ist. Unter unserm Himmel also. Drinnen der Löwe mit Maßkrug vom Oktoberfest: die Präsentation der Geschichte Bayerns auf möglichst populäre Art.
Das richtet schon mal einen Blick auf die bezwingende Bekömmlichkeit, die Inhalte und Präsentation dieses neuen Museums prägt und ein Blick auf Geschichte, der ohne Lehrstock, Staubschluckauf und übersäuerten Jahreszahlensalat daherkommt.

Geboren aus Schlachtenlärm

Hinauf in die Ausstellung zieht derweil erst einmal ganz unspektakulär eine Rolltreppe, auf der Rosswiehern und Militärlärm zu vernehmen ist: Wir fahren nach oben und zurück zum Anfang des 19. Jahrhunderts, in dem die Dauerausstellung beginnt, die sich den vergangenen 200 Jahren bayerischer Geschichte widmet. Es ist die Zeit Napoleons, der das ganze Europa einmal wie ein Kartenspiel auseinandernimmt, durchmischt und neu wieder ausgibt. Das Alte Reich endet in dieser Zeit eher still in all dem Schlachtenlärm, Bayern wird selbstständig, wird ein Königreich, gewinnt Franken, Schwaben, kleine Territorien und Städte wie Regensburg hinzu – und verliert in zahlreichen Kriegen viele Tausende von Landessöhnen. Gerade noch rechtzeitig setzt man sich von Napoleon ab, um zu den schlussendlichen Kriegsgewinnern zu gehören – und die neu gewonnen Gebiete tunlichst behalten zu können.

Ist das Verrat? Oder staatserhaltender Pragmatismus? Die Geschichtsschreibung moralisiert möglichst nicht, sondern stellt lieber dar. Beziehungsweise: aus. Im neuen Museum wird ein vielfältiger, keineswegs harmonisierender Blick auf die Landesgeschichte versucht mit 1000 Exponaten auf 2500 Quadratmetern. Munter üppig, aber nie beliebig.

Wie man Milch ausspricht

So ist das Durchqueren des Museums fast wie eine Art Begehen eines Zeitromans. Die assoziative Anordnung erlaubt eigenes gedankliches Eindringen. Dazu kommen acht sogenannte Kulturkabinette, in denen kulturelle Phänomene wie der Dialekt, Feste, Religionen und Architektur oft interaktiv gestaltet sind.

Da kann man beim Dialekt sich selbst überprüfen, wie man das Wort „Milch“ intoniert. Man kann sich auf altes bayerisches Landtagsgestühl setzen und an Abstimmungen teilnehmen. Man kann virtuell das regionale Bayern kennenlernen und das bedrohte Idyll der Natur. Kinder können Karl Valentins Flug zum Mond nachmachen. Man kann hier Stunden verbringen.

Bayern in der nachnapoleonischen Zeit: eigentlich ein fortschrittliches Land mit einer fortschrittliche Verfassung, die die Könige von Max I. Joseph, bis Ludwig III., mehr oder minder freiwillig einbanden. Diese Verfassung war wichtig beim Zusammenwachsen von Territorien, die ganz unterschiedliche historische Traditionen, kulturelle Prägungen und religiöse Herkünfte hatte.

Ein Land wie für ein Fünferl ein Durcheinand zunächst. So bedurfte es denn vielschichtiger Überzeugungsarbeit, dieses Land zum Zusammenwachsen zu bringen; die Ausstellung zeigt Maßnahmen von (National-) Denkmälern über eine neue Vereinskultur (mit andachtsgebietendem Hochrad wegen der zahlreichen Velocyclisten-Vereine) bis hin zu Rhein-Main-Donau-Kanal und der landeszusammendampfenden Eisenbahn. Das nie besonders zum Schlachtenführen aufgelegte Bayern musste teilnehmen an Kriegen: erst gegen, dann mit Preußen. Die bayerische Souveränität endete als Parallelerscheinung zu diesem Neuschnitt der deutschen Lande mit Ludwig II., der bis heute Anlass für seltsamste Kitsch-Ornamente ist.

Preussische Autoritätsgläubigkeit

Der König stand für die Eingliederung Bayerns ins preußisch dominierte Deutsche Kaiserreich – mitsamt seinem Militarismus und seiner – protestantistischen – Autoritätsgläubigkeit. Wie umstritten das war, zeigt eine der Bühnen recht ausgiebig: Ein zeitgenössischer Stimmenchor setzt sich da zusammen aus pragmatischen Hoffnungen und weitsichtigen Warnungen.

Warnungen, die spätestens im Ersten Weltkrieg Wirklichkeit werden, dem die Ausstellung teilweise sehr private Objekte widmet, Leihgaben aus Familien, beweisend, dass sich Geschichte aus Einzelschicksalen zusammensetzt. Wenn man das alles so sieht, bewegt das: Was Menschen eigentlich so alles mit sich machen lassen. Und wie sie leiden.

Auftrag zur Erinnerung

Besonders bewegend sind jene Monumente aus der Zeit des Nationalsozialismus, die aus Geberfamilien stammen wie eine Häftlingsjacke des in Dachau gequälten französischen Kommunisten Auguste Pineau: In solchen Objekten wird deutlich, dass Geschichte auch ein immerwährender Auftrag zur Erinnerung ist.

Ein Haus der Erinnerung also: Bayern als Sinnbild einer Kultur setzt sich zusammen aus Außenansicht und Innenansicht. Zum Beispiel das Bild, das sich Amerika von Bayern macht („Ois Chicago“): Modernste Technik trifft da Ende des 19. Jahrhunderts auf ein höchst erfolgreich tourendes Schlierseer Bauerntheater. Das Heimattümelnde: Es ist bis heute geblieben.

Die Schau verführt zur Aufzähleritis. Bierland Bayern mit Maßkrügen und modernster Kältetechnik, das Autobauerland, die Architektur von der Landshuter Martinskirche bis zum Dachauer Lagereingang, die Lederhose von Oskar Maria Graf und ein Bass von Günther Sigl von der Spider Murphy Gang: Dem Betrachter ergeben sich Bezüge, die die Vielschichtigkeit der Vergangenheit offenlegen.

Die CSU okkupiert Bayern

Viel an Bezugsebenen erarbeitet die Ausstellung auch dadurch, dass sie die Bühnen einander gegenüberstellt: Die Revolution von 1919 und die ihr nachfolgende „Ordnungszelle Bayern“. Oder nach 1945: Da entspinnt sich auf der einen Seite die Okkupation der Staatssymbole Löwe und Raute durch die CSU mitsamt Franz Josef Straußschen Rhetorikdetonationen.

Gegenüber ertönt das Pfeifkonzert des Widerstands gegen die von ihm so sehr gewollte Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf, unter anderem mit dem berühmten Brett vorm Kopf und dem vielgereisten Demonstrationsschild des Bund Naturschutz Landshut.

Auch dies ist schon historisch geworden: der Beginn der Bürgerbewegung und das Ende durchgetrotzter Großprojekte. Wer Geschichte erzählt, kommt in der Gegenwart an. In der Gegenwart eines Museums, das zusammen mit einem Kinosaal mit einem Panoramarundblick auf die ganze vorherige Geschichte, einem Veranstaltungssaal, einem Wirtshaus und der Bavariathek einen neuen Gebäudekomplex bietet. Und einlädt zu einem Wandertag in die Geschichte, der bis zum Monatsende kostenlos ist.

Donaumarkt 1, Regensburg. Geöffnet täglich außer Mo von 9 bis 18 Uhr. Ab dem 1. Juli zahlen Erwachsene fünf Euro und Senioren vier Euro. Kinder, Jugendliche, Schüler, Studenten bis 30 haben freien Eintritt
 

 

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