Erstmals seit den Pfiffen in Leverkusen spielt Ilkay Gündogan wieder in Deutschland für den DFB. Müller: "Stellen uns bewusst vor ihn."

München - Zu hören war von Ilkay Gündogan selbst nichts mehr. Der Mittelfeldspieler von Manchester City absolvierte mit der Nationalmannschaft auf dem Campus des FC Bayern in diesen Tagen seine Trainingseinheiten, er wirkte konzentriert, vor die Mikrofone der Reporter trat er aber nicht mehr.

Am Donnerstag steht im ersten Spiel nach dem WM-Fiasko von Russland nicht nur das DFB-Team im Blickpunkt. Sondern auch Gündogan, der vor knapp drei Monaten beim bislang letzten Heimspiel einer deutschen Nationalmannschaft gegen Saudi-Arabien (2:1) von den eigenen Fans bei jedem Ballkontakt noch gnadenlos ausgepfiffen wurde. Wie reagieren jetzt also die Zuschauer bei der Partie gegen Frankreich in der Münchner Allianz Arena, egal ob Gündogan nun in der Startelf steht oder nicht? Gibt es Pfiffe bei der Mannschaftsvorstellung, beim Verlesen seines Namens? Vielleicht bei seiner Einwechslung?

Gündogan denkt keineswegs an Rücktritt

Noch immer verfolgt den 27-Jährigen die Affäre um die Erdogan-Fotos, auf denen er zusammen mit Mesut Özil neben dem türkischen Staatspräsidenten posiert hatte. Während Özil danach beharrlich schwieg und über seinen Berater samt Rassismus-Vorwürfen schriftlich seinen Rückzug aus dem DFB-Team erklärte, stellte sich Gündogan zweimal in größeren Interviews. Einmal im Trainingslager in Südtirol, zuletzt im Gespräch mit der Funke-Mediengruppe, wo er erneut betonte, wie sehr er sich zu den deutschen Werten bekenne, wie stolz er sei, das Trikot der Nationalmannschaft zu tragen – und dass er anders als Özil keineswegs an Rücktritt denke.

Zuspruch bekam er vergangene Woche von Joachim Löw. "Ich weiß, dass er sich seit vielen Jahren mit unseren Werten identifiziert", sagte der Bundestrainer, "und er hat ein Interview gegeben, wo er sich dazu noch einmal bekannt hat, zu dem was uns ausmacht." Ob er negative Reaktionen des Münchner Publikums befürchte? "Ich appelliere an die Fans, dass man das ein Stück beiseite legt", sagte Löw, "ich hoffe auf Verständnis, dass sie ihn unterstützen." Sportlich sei Gündogan über jeden Zweifel erhaben, erklärte der Nationaltrainer. Nie habe er daran gedacht, ihn wegen der Erdogan-Bilder nicht zu nominieren. "Ich sehe in ihm einen Spieler, der bei uns den Durchbruch schafft. Sportlich war es für mich keine Frage, ihn einzuladen."

Das Team steht hinter Gündogan

Uneingeschränkte Rückendeckung gab es auch von Thomas Müller: "Gerade jetzt wollen wir noch mehr das Zeichen setzen, dass wir noch mehr zusammenhalten", sagte der Bayern-Star, "und deswegen wollen wir uns noch bewusster vor Ilkay Gündogan stellen." Man habe bei Gündogan "ja gesehen, dass ihn das Ganze mitgenommen und verunsichert hat, auch auf dem Platz", führte Müller weiter aus: "Wir als Mannschaft wollen ihn noch mehr unterstützen, sodass er seine unglaubliche Qualität und Kreativität, die er letztes Jahr in der Premier League und auch die Jahre zuvor gezeigt hat, auch bei uns in der deutschen Nationalmannschaft zeigen kann." Im Team selbst hat Gündogan also genug Unterstützung. Fehlt nur noch der Rückhalt der Fans.

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