Rapper im AZ-Interview Sido über das Album "VI", Flüchtlinge und München-Pläne

Muss nicht mehr provozieren: Sido will seine Popularität sinnvoll einsetzen. Foto: Murat Aslan

An diesem Freitag erscheint „VI“, das sechste Soloalbum des Berliner Rappers Sido. Im AZ-Interview spricht er über seine musikalische Entwicklung, politische Verantwortung und Expansionspläne in München.

Nach knapp zwei Jahren legt der am Bart leicht ergraute Rapper Sido ein neues Album nach. Darauf geht es vor allem um ihn selbst – wo er herkommt, wo er irgendwie nicht hingehört. Auch sozialkritische Töne schlägt der 34-Jährige an. Wir trafen Sido zum Gespräch im Bayerischen Hof.

AZ: Sido, nach 12 Jahren Solokarriere ist „Astronaut“ mit Andreas Bourani Ihre erste Nummer-1-Single. Wieso erst jetzt?

SIDO: Das frage ich mich auch. Es war wohl an der Zeit. Ich finde „Bilder im Kopf“ vom Album „#Beste“ hätte damals auch eine Eins verdient. „Astronaut“ lief jetzt im Vorfeld schon im Radio rauf und runter, so dass wir die Auskopplung sogar vorgezogen haben.

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Andreas Bourani hat da sicher auch eine Rolle gespielt.

Natürlich.

Warum gerade er?

Weil er einer der krassesten Sänger in Deutschland ist.

Sie haben ein acht Jahre altes Foto von Ihnen mit Andreas Bourani auf Facebook gepostet. Woher kennen Sie sich?

Das war in Tutzing am Starnberger See im Studio von Peter Maffay. Ein Produzent und ich haben das damals gemietet. Und da war Andreas der gute Geist vom Studio. Wir haben schon gut rumgehangen damals. Seit er in Berlin wohnt, haben wir wieder mehr Kontakt.

 

Schon vor 8 Jahren mit Andreas Bourani gechillt !!! #AltaBinIchAlt #TshirtBisZumKnie #HipsterEpisodeEins #NackteArme #Bartlos

Posted by Sido on  Dienstag, 18. August 2015

Vielen Ihrer alten Fans klingt Ihre Musik inzwischen zu poppig.

Die sagen das schon seit drei Alben. Aber das ist mir egal. Seit „Bilder im Kopf“ habe ich eine Tür im Radio. Ist doch klar, dass es mir wichtig war, wieder einen Radio-Hit zu haben.

Wie kommt man als Rapper ins Radio?

Wichtig ist vor allem Gesang. Für einen gerappten Refrain sind die Leute noch nicht bereit.

Immer wieder werden Rapper, die sich musikalisch weiterentwickeln von den eingefleischten HipHop-Fans kritisiert. Ist das ein Deutschrap-Problem?

Sobald die Musik kommerziell erfolgreich wird, ist es bei denen verpönt. Das Problem hat aber ein Eminem auch. Dass viele Fans von früher mein Album heute nicht mehr kaufen würden, verstehe ich nicht so ganz. Die müssen ja schließlich auch älter geworden sein. Das ist auch so ein Internet-Phänomen, wo jeder einfach seine Meinung sagen kann. Und eine nette Meinung sagt man nicht so gerne wie eine unnette. Ich nehme das nicht ernst.

Sie hatten im Vorfeld angekündigt, dass dieses Album wieder raplastiger wird.

Es ist raplastiger. Aber auch die melodiösen Songs müssen sein. Der Beat von dem Song mit Adel Tawil – mehr HipHop geht doch gar nicht.

Sie und Ihre Produzenten haben sich in Thailand ein Studio gemietet. Wie war das Arbeiten dort?

Wir fahren immer weg für meine Alben. Zuhause wäre ich nicht konsequent genug. So gehe ich einen Monat ins Studio und mache 15 Songs. Das Studio ist super. Jamiroquai und Wyclef Jean nehmen da auch ihre Alben auf.

 

Bei uns in der Dschungelhütte gibt es jetzt gleich was zu essen. #Thailand #sido #album

Posted by Dj Desue on  Dienstag, 14. Oktober 2014

Man könnte ja meinen, im Paradies wäre man mehr abgelenkt als zu Hause.

Den Spaß gönne ich den anderen. Ich bin tatsächlich da, um zu arbeiten. Spätestens um 10 Uhr fange ich an zu schreiben. Erst wenn ich fertig bin, hüpfe ich auch nochmal in den Pool.

Warum ist das Album nicht, wie angekündigt, Anfang des Jahres erschienen?

Wegen des Films „Halbe Brüder“, in dem ich mitgespielt habe. Da hat sich alles ein bisschen verschoben. Die haben uns einfach ein Datum gegeben, und wir mussten dann drum herum planen. Ich wollte auf keinen Fall zum Film auf Tour gehen und ein Album rausbringen.

Sie sind einer der alten Hasen, die HipHop salonfähig gemacht haben. Heutzutage landen viele deutsche Rapper in den Charts.

Das finde ich gut, überhaupt für deutsche Musik. Früher wurde den Radiosendern eine Deutsch-Quote aufgezwungen. HipHop ist das meistverkaufte Genre in Deutschland. Aber die Charts sind nicht sehr aussagekräftig. Es kommt auf die Woche an, in der man ein Album veröffentlicht. Meins kommt gleichzeitig mit Helene Fischer und Iron Maiden. Für mich ist die Nummer Eins also schon verloren.

Auf Ihrem neuen Album greifen Sie politische Themen wie die Flüchtlingskrise auf. Ist das der erwachsene, politisch interessierte Sido?

Ich bin keiner, der da wirklich helfen kann, und ich will mir nicht anmaßen, da Entscheidungen zu treffen. Thema Flüchtlinge: Lasst uns die alle herholen. Bin ich voll dafür. Aber dann ist es damit nicht getan. Was machen die dann hier? Wir brauchen Arbeit für die. Wir brauchen Wohnungen für die. Wir brauchen Akzeptanz für die. Da ist so ein riesen Gesprächsbedarf. Aber ich fühle mich nicht in der Lage, da wirklich mitzureden.

Warum dann Texte mit politischen Zeilen?

Ich habe jahrelang provoziert, um Gehör zu finden. Mittlerweile kennt mich das ganze Land. Ich finde, aus der Aufmerksamkeit, die ich inzwischen habe, muss ich etwas Sinnvolles machen. Es könnte auch noch alles viel tiefer gehen als das, was ich auf den Songs sage. Natürlich habe ich meine Meinung, wo das alles herrührt. Aber jeder muss sich seine Meinung dazu selber machen.

Im Winter gehen Sie auf Tour. 30 Stationen und nur fünf Tage Pause. Klingt ambitioniert.

Das mache ich immer so. Letztes Mal hatte ich 38 Termine und nur sechs Tage Pause.

Wie läuft das inzwischen, wenn Sido auf Tour geht. Familie statt Party?

Ich könnte von Stadt zu Stadt fliegen oder mich fahren lassen. Aber ich möchte mit der Gruppe zusammen sein. Dafür habe ich aber einen eigenen Bus für mich, meine Frau (Moderatorin Charlotte Würdig Anm. d. Red.), meine Kinder und eine Nanny. Ich feiere nicht mehr bis in die Puppen. Nach dem Konzert gehe ich duschen, trinke noch ein, zwei Jägermeister und dann gehe ich ins Bett.

Man hört, Sie werden in München ein Tattoo-Studio eröffnen.

Ja, das sollte eigentlich schon fertig sein. Wir haben den Bauarbeitern gesagt: „Macht mal da eine Tür rein.“ Dann haben die die ganze Wand rausgerissen. Außerdem ist das mit Behörden und Genehmigungen in München etwas komplizierter als in Berlin, habe ich gelernt.

Lesen Sie hier: Sido expandiert nach München

Warum ausgerechnet München?

Ich habe viele gute Freunde hier. Sehr geschäftige Leute. Ab und zu brauchen die eine Finanzspritze, und dann beteilige ich mich gerne. Pünktlich zum Oktoberfest wollen wir in einer ehemaligen Schwulensauna in der Müllerstraße eine Bar eröffnen.

Tätowieren Sie auch selbst?

Nur Autogramme. Wenn ich die Zeit finde, mache ich Sammeltermine. Die wird’s dann auch in München geben.

Hat Charlotte auch ein Tattoo von Ihnen?

Ja, und ich habe auch eins von ihr. Sie hat mir „Topf“ auf die Hand tätowiert und ich ihr „Deckel“ – in unserer jeweiligen Handschrift. Also nur zur Erklärung: Ich bin der Topf und sie ist der Deckel.

 

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