Radio Doria veröffentlicht neues Album Jan Josef Liefers: "Ich kann nicht wie Steven Tyler singen"

Jan Josef Liefers mit seiner Band Radio Doria im Tonstudio Foto: Add On Music

"Popmusik, aber die Gitarren dürfen ordentlich zerren." So beschreibt Jan Josef Liefers den Sound seiner Band Radio Doria. Im Interview mit spot on news spricht der Schauspieler und Musiker über das neue Album und schimpft ganz nebenbei ein bisschen über klassische Rockmusik.

 

Die meisten Deutschen kennen Jan Josef Liefers (50, "Knockin' on Heaven's door") als Ausnahmeschauspieler und Mensch hinter der Tatort-Figur Professor Boerne. Doch der gebürtige Dresdener ist viel mehr als das: Mit seiner Band "Radio Doria" veröffentlichte Liefers jetzt sein gleichnamiges Album. Im Interview mit der Nachrichtenagentur spot on news spricht der Bandleader über seine Liebe zur Musik, die Leichtigkeit seiner Mutter und warum ihm Rockmusik auf Dauer auf die Nerven geht.

Ist die Musik ein zweites Standbein für Sie?

Jan Josef Liefers: Oh je, das klingt so nach "Ich muss noch an die Rente denken". Nein, wirklich nicht. Es ist eher eine innere Notwendigkeit, es entsteht in mir und muss einfach raus. Das war immer schon so, nur jetzt findet es vor Leuten statt.

Mehr steckt nicht dahinter?

Liefers: Eigentlich nicht. Das Beste ist aber, dass ich überhaupt die Möglichkeit bekomme, das zu machen. Ich habe für das Album mit Menschen zusammen gearbeitet, wo die Unterschiede zwischen Freundschaft und Professionalität verschwimmen. Es war verdammt viel Arbeit im Studio, aber es lief trotzdem entspannt ab. Die "Freie Stimme der Schlaflosigkeit" ist in einem Team entstanden, das mir als Jan Josef sehr nahe ist. So etwas Schönes gemeinsam mit Freunden hinzukriegen, ist großartig.

In Ihren Songs schwingt eine große Leichtigkeit mit. Woher kommt das?

Liefers: Das habe ich wahrscheinlich von meiner Mutter. Sie verliert nie eine gewisse Fröhlichkeit bei allem, selbst wenn es um ziemlich verfahrene Kisten geht. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass Probleme sich nicht leichter lösen lassen, wenn man noch 26 Kilo Blei oben drauf packt.

Wie bekommen Sie diese Einstellung in einen Song?

Liefers: Ich bin erst zufrieden, wenn jedes Lied ein bisschen lächelt. Sogar, wenn es eigentlich traurig ist. Früher habe ich immer von einer lauten Rock-Band geträumt, aber ich kann überhaupt nicht singen wie Steven Tyler. Außerdem ist dieser bierschwere Ernst, den Rockmusik oft atmet, auf Dauer nicht mein Ding. Deswegen mache ich Popmusik, aber mit Gitarren, die trotzdem ordentlich zerren dürfen.

Warum heißt ihre Band nicht mehr Oblivion, sondern Radio Doria?

Liefers: Wir waren zehn Jahre als "Jan Josef Liefers und Oblivion" unterwegs, bis wir erfahren haben, dass es eine amerikanische Metal-Band gibt, die auch so heißt. Die hatten sich das schützen lassen. Meinen eigenen Namen fand ich sowieso immer doof und viel zu lang für eine Band und auf einen Rechtsstreit hatten wir auch keine Lust. Also haben wir gleich mehrere Fliegen mit einem Schlag erledigt und heißen jetzt "Radio Doria". Das passt auch besser zum neuen Album!

Sie schreiben Ihre Songs und Texte selbst. Wie darf man sich das bei Ihnen vorstellen: Kommen die Ideen beim Spazierengehen oder erarbeiten Sie die Texte und Klänge am Schreibtisch?

Liefers: Die Musik entsteht meist mit allen in der Band. Und bei den Texten ist es so: Manchmal schwirren die Ideen lange in meinen Kopf herum, manchmal wache ich nachts mit einem Aha-Moment auf, manchmal beobachte oder lese ich irgendwas. Oft laber ich das dann einfach ins Telefon. Wenn es dann darum geht, wirklich einen Text zu Ende zu bringen, dann arbeite ich das aus, was oft länger dauert. Schiebe hin und her, streiche durch, mach wieder alles neu. Und manchmal schreibe ich mit Leuten zusammen. Das geht! Das war eine neue und sehr gute Erfahrung für mich.

Sie waren mit dem Programm "Soundtrack deiner Kindheit" lange auf Tour und haben Bands der ehemaligen DDR wie Silly oder die Puhdys gecovert. Sehen Sie sich in der Tradition dieser Art von Musik?

Liefers: Es ging mir damals nie um Nostalgie, sondern darum, was einige Ostrocklieder zu bestimmten Zeiten in meiner Kindheit und Jugend in der DDR für mich bedeuteten. Ein Erzählkonzert mit Rockmusik. Die Sprache der Musik versteht jeder. Das ist jetzt aber durch, wir wollen keinen Staffelstab in die Hand gedrückt bekommen und auch keinen weiterreichen.

Sie engagieren und äußern sich von Zeit zu Zeit zu politischen Themen. In Ihren Texten kommt das nur zwischen den Zeilen vor. Keine Lust mit Hilfe des Sprachrohrs Musik Missstände anzuprangern?

Liefers: Doch, aber nicht so vordergründig. Es fließen schon meine Eindrücke von den Reisen nach Syrien, Haiti, Afrika oder Israel ein, aber ich würde nie den großen Holzhammer schwingen. Im Lied "Unbeschreiblich" zum Beispiel handelt die letzte Strophe vom Krieg und davon, dass er vor unserer Haustür lauert. Wir leben zum Glück seit fast 70 Jahren in Frieden, aber das ist überhaupt nicht das Normale in der Welt. Und wir haben trotz oder vielleicht wegen der aufbereiteten Nachrichten und Fotos keine Vorstellung davon, was es bedeutet, in einem Krieg zu leben.

Es geht hauptsächlich um Zwischenmenschliches...

Liefers: Mich interessiert an Politik nicht der ganze Machtzirkus drumherum, sondern, dass politische Entscheidungen, die zum Beispiel hier in Deutschland getroffen werden, immer Konsequenzen auch für Menschen anderswo auf der Welt haben. Da geht es im Falle Syrien mal eben um Leben oder Tod. Ein schwieriges Thema.

Sie spielen unglaublich viele Live-Konzerte. Wie ist das Tour-Leben für Sie?

Liefers: Eher harmlos. Wir sind - was Haftpflichtversicherungen betrifft - eine sehr pflegeleichte Band. Da zerlegt keiner ein Hotelzimmer und alle schlurfen morgens pünktlich zum Frühstück. Es geht also nicht in die Nachtclubs der Stadt und es gibt keine Lines von hier bis nach Herne. Wir hocken am liebsten nach dem Konzert zusammen, essen was und quatschen.

Wo können Sie sich besser entfalten: Live oder im Studio?

Liefers: Ich liebe die Bühne und ich mag die chemische Reaktion zwischen Band und Publikum. Wenn nach dem Konzert einer kommt und sagt, er hatte einen tollen Abend und ein schönes Gefühl im Bauch, dann bin ich happy.

 

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