Radikal jung Das Ich ist mein Paradies

Das Ensemble aus St. Pölten spielt „Um die Wette“ frei nach Labiche. Foto: Alexi Pelekanos

Mit 14 eingeladenen Produktionen war das Festival Radikal jung so groß wie noch nie

 

Am Schluss von Radikal jung im Volkstheater bekam noch mal die leichte Muse ihre verdiente Chance. Philipp Moschitz hat „Um die Wette“ für das Landestheater Niederösterreich in St. Pölten inszeniert, ein Lustspiel aus dem Jahr 1861, geschrieben von dem französischen Komödienspezialisten Eugène Labiche, immerhin übersetzt von Elfriede Jelinek, die aber mit ihren postmodernen Sprachspielereien den Staub von diesem bürgerlichen Schwank auch nicht völlig wegpusten konnte.

Dazu gibt es aber auch gar keinen Anlass, weil eine boulevardeske Tür-auf-Tür-zu-Komödie inklusive obligatorischer Hose-runter-Einlage immer noch wunderbar zieht, gerade wenn sie so einfallsreich in Szene gesetzt wird wie von Moschitz. Der war Ensemblemitglied im Metropoltheater und gastierte als Schauspieler an diversen Theatern, ist auch in Musicals prima einsetzbar und hat sich für seine eigenen Regiearbeiten vermutlich einiges von Leuten wie Metropoltheater-Chef Jochen Schölch abgeschaut.

Zwischen den Polen des Inszenierten und Echten

Leichtfüßig und rhythmisch sicher schafft er es jedenfalls, dem alten Labiche Schwung zu geben, schon allein dank des Bühnenbilds. Ein riesiger Fauteuil besetzt den Raum, und kaum hat sich die Bühne eine Runde gedreht, schon steht ein noch größeres Sitzmöbel da, als Sinnbild für die sich steigernde Hochstapelei zweier gar-nicht-so-reicher Familien sowie als Möglichkeit für immer sportiver werdende Turnereien, denn man muss ja auf diese Dinger irgendwie hochkommen, hochsteigen, hochspringen!

Wenn das Falsche so dermaßen echt aussieht, dann ist es vielleicht gar nicht mehr so falsch, heißt es da einmal. Was Sein und was Schein ist, lässt sich eben kaum unterscheiden, im Theater sowieso nicht, und so bewegte sich auch diese Festivalausgabe zwischen den Polen des Inszenierten und Echten.

So lauerte überall böse oder ironisch der Fake, auch in „Operation Kamen“, einem dokumentarischen Projekt von Florian Fischer für das Staatsschauspiel Dresden. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs ließ der tschechische Geheimdienst Schleuser auf der Bildfläche erscheinen, die vermutete Oppositionelle zur Flucht animierten. Zu einem Grenzhäuschen im Wald wurden die Staatsfeinde geführt, wo sie von falschen US-Soldaten ausgefragt wurden und unwissentlich ihr Umfeld denunzierten.

Hauptpreis für Ariah Lester aus Venezuela

Der charmante Schauspieler Lukas Rüppel führt das Theaterpublikum ähnlich aufs Glatteis, stellt unter anderem Geräuschkulissen her, die einem per Kopfhörer direkt ins Gehör eindringen. Was nach Wald klingt, ist letztlich auf der Bühne erzeugtes Geraschel. So soll man dem Gefühl der Getäuschten von einst näher kommen, aber die Suggestionskraft des Theaters hat doch ihre Grenzen. An die großartige Barbara Nüsse konnte man dabei noch mal denken, wie sie sich in die „dritte Republik“ an die Neu-Vermessung der Welt nach dem Ersten Weltkrieg machte und letztlich im unendlichen Meer landete.

Die erwünschten Grenzziehungen mögen einfach nicht hinhauen oder sind zumindest hochkomplexe Projekte, insbesondere, was die eigene Identität angeht. Gerade die zum Festival eingeladenen Ein- oder Zweipersonen-Stücke sorgten für intensive Theatererlebnisse, ob nun Performerin Julia*n Meding in „Angstpiece“ so tat, als ob sie ihre Agoraphobie live therapieren will oder Julia Mounsey und Mo Fry Pasic in „[50/50] old school animation“ mit autobiographischem Gestus in Abgründe schauten.

Den Hauptpreis des Festivals, den mit 3000 Euro dotierten Publikumspreis, gewann Ariah Lester aus Venezuela für sein Solo „White[Ariane]“, in dem er mit Pathos, Ironie, aber auch heiligem Ernst Bilder seines Selbst performt. Mit blond angemaltem Haar, weiß angemalter Haut und blauer Kontaktlinse spiegelt Ariah Lester das Ideal seines Vaters wider („to better the race!“), während seine Mutter sich während der Schwangerschaft eigentlich eine Tochter gewünscht hatte. In seiner fulminanten Show präsentiert er sich als Paradiesvogel im geflügelten Kostüm, der seinen Weg zur Selbstermächtigung in publikumsnahen Erzählungen, in Songs und Musikvideos nachzeichnet.

Monströs versus schön, männlich versus weiblich – solche Gegensätze lässt Ariah Lester genüsslich zerfließen und steht damit exemplarisch für ein Festival, in dem die 14 eingeladenen Produktionen vor allem davon erzählten, wie freisinnig der Regienachwuchs sich die eigenen Identitäten und die der anderen denkt.

Vorbilder wie Kafka oder Goethe mochten noch in manchen Stücken herumspuken, aber sie boten letztlich nur Material für grenzüberschreitende Narrative, an deren Ende das Ich steht.    

 

 

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