Prozessstart in München Messerstecher von Grafing: Plötzlich Amokläufer

Tötete im Wahn einen Mann und verletzte drei weitere schwer: Paul H. (28) wird zur Anklagebank geführt. Im Hintergrund steht sein Anwalt Florian Alte. Foto: jot

Der Prozess gegen den Messerstecher von Grafing startet: Paul H. (28) stach am Grafinger Bahnhof um sich und tötete einen Mann –  jetzt soll er in die Psychiatrie.

 

München - Simona W. ist eine tapfere Frau. Die 47-jährige Witwe des beim Grafinger Amoklauf ums Leben gekommenen Siegfried W. sitzt am Montag im Gerichtssaal B 273 des Strafjustizzentrums und hört sich an, wie ihr Ehemann am 10. Mai 2016 starb.
Ihre Hände bewegen sich dabei unruhig im Schoß, in ihrem Gesicht spiegelt sich der Schmerz, aber Simona W. versucht, die Fassung zu bewahren – und es gelingt ihr.

Auch als es in der Antragsschrift der Staatsanwaltschaft um Details der Messerattacke gegen Siegfried W. geht. Auch als klar wird, dass der 56-Jährige an diesem frühen Morgen am Grafinger Bahnhof nur sterben musste, weil ein seelisch kranker Mann in seinem Wahn glaubte, dass ihm Allah in Form eines Güterzugs ein Zeichen gegeben habe, zum Islam zu konvertieren. Und dass er alle "Ungläubigen" töten müsse.

Siegfried W. stirbt durch die Messerattacke. Drei Männer werden verletzt

Denn in seinen Wahnvorstellungen kann sich der atheistisch erzogene Hesse nur durch ein Menschenopfer als Muslim beweisen. Siegfried W. stirbt durch die Messerattacke, drei weitere Männer werden schwer verletzt. Einer von ihnen ist Johannes B., der mit einem Rollator quälend langsam in den Gerichtssaal kommt. Der Prozess belastet den Ex-Zeitungsausträger sehr. Er will endlich mit dem Geschehen abschließen und kann nicht. Auch, weil ihn die erlittenen Verletzungen bis heute stark beeinträchtigen.

Ähnlich geht es Manfred M., das erste Opfer des wahnsinnigen Täters. "S-Bahn fahre ich nur noch ausnahmsweise", sagt er im Zeugenstand. An die Tat erinnert er sich so: "Ich habe nur zwei Füße gesehen, als ich zum Bahnsteig hochging. Und dann habe ich einen Stich gespürt. Das hat sich wie ein Schlag gegen die Brust angefühlt."

Manfred M. springt geistesgegenwärtig in ein Taxi in der Nähe. Der Messerstecher läuft ihm hinterher, erinnert sich das Opfer. "Ich hab’ ihn mit den Füßen abgewehrt." Dann sei das Taxi endlich losgefahren. Noch auf der Fahrt ins Ebersberger Krankenhaus verständigt das Opfer die Polizei. Der Vorsitzende Richter Thomas Bott verliest das Protokoll: Der Angreifer habe keine Schuhe getragen, erklärte Manfred M. der Einsatzzentrale. Und der Mann habe so etwas wie "Allahu Akbar" (Allah ist groß) gerufen. Hinweise auf einen islamistischen Hintergrund des Mannes, wie man ihn nach der Tat zunächst vermutete, finden sich aber nicht.

War Paul H. schuldfähig? Die Staatsanwaltschaft geht von einer Psychose aus, will die Unterbringung in der Psychiatrie. Bereits zwei Tage vor seiner Bluttat litt H. unter Wahnvorstellungen, glaubte, einen Mord beobachtet zu haben. Die Angehörigen brachten ihn ins Krankenhaus. "Ich wünschte, ich wäre in der Klinik geblieben und hätte die Medikamente genommen." Stattdessen habe er fluchtartig die Klinik verlassen, weil er sich nicht mehr sicher und von Islamisten verfolgt glaubte. Bis zu dem Moment im Grafinger Bahnhof, in dem sich der Mann plötzlich als Muslim fühlte.

Seit Jahren plagen ihn psychische Krankheiten. Er sei mal manisch, mal depressiv gewesen, berichtet er. Mehrmals habe er nach der Trennung von seiner Freundin 2014 versucht, sich das Leben zu nehmen. Aber nur zwei Monate nach der Tat hat er aufgrund der Medikation die Psychose überwunden.

Jetzt spricht der stämmige Mann ruhig, beantwortet jede Frage detailreich, zeigt sich reuig. Von dem irren Mörder scheint nicht mehr viel übrig zu sein.

 

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