Protestcamp am Sendlinger Tor Ohne Essen und Trinken: Hungerstreik extrem

Trockener Hungerstreik: Seit Samstag harren 33 Männer und eine Frau in zwei Pavillons am Sendlinger Tor aus, seit gestern trinken sie nichts mehr. Foto: Daniel von Loeper

Die 34 Flüchtlinge am Sendlinger Tor verweigern jetzt auch das Trinken.

 

München - Die Situation im Hunger-Camp am Sendlinger Tor verschärft sich weiter: Die 34 Flüchtlinge, die sich dort seit Samstag im Hungerstreik befinden, verweigern seit gestern Mittag auch die Flüssigkeitsaufnahme. Mehrere Männer und eine Frau mussten in Krankenhäuser gebracht werden.

„Warum kann uns diese Gesellschaft nicht einfach akzeptieren?“, fragt Adeel (25), einer der Sprecher, zu Beginn der Pressekonferenz, auf der die Demonstranten ihre Entscheidung verkünden. „Wir bringen viele Talente mit, aber wir bekommen nicht die Möglichkeit, das zu beweisen.“ Seit dem Hungerstreik auf dem Rindermarkt im Juni 2013 habe die Gruppe mit vielen Aktionen auf ihre Situation aufmerksam gemacht – „aber die Politiker haben weiter die Augen verschlossen“.

Wie schon damals fordern die Asylbewerber die Abschaffung von Lager- und Residenzpflicht, einen vereinfachten Zugang zu Arbeitsmarkt und Bildung sowie die Anerkennung als politisch Verfolgte.

„Seit dem Rindermarkt hat sich kaum etwas verändert.“ Zwar seien die umstrittenen Essenspakete abgeschafft worden und Asylbewerber müssten nun nur noch drei Monate anstatt neun auf eine Arbeitserlaubnis warten. „Aber“, sagt Muhammad (22), ein weiterer Sprecher, „selbst wenn wir eine Stelle gefunden haben, können wir nicht anfangen zu arbeiten. Das Landratsamt muss erst prüfen, ob es nicht irgendjemand anderen gibt, der den Job machen könnte.“

Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) hatte den Flüchtlingen angeboten, sie in der Bayernkaserne unterzubringen und Gespräche auf kommunaler, bayerischer und – wenn möglich auch – nationaler Ebene zu vermitteln. Vorausgesetzt, die Asylbewerber brechen den Hungerstreik ab.

Doch diesem Hilfsangebot trauen die Streikenden offensichtlich nicht. „Uns wurden in der Vergangenheit schon so viele Versprechungen gemacht“, sagt Adeel, „darauf können wir uns einfach nicht verlassen.“

Zudem wollten sie auf keinen Fall zurück in eine Flüchtlingsunterkunft, auch nicht in die Bayernkaserne. „Da würde nur ein Gefängnis durch ein größeres ersetzt“, sagt Muhammad.

Die Flüchtlinge stammen aus verschiedenen Staaten Afrikas, Arabiens und Asiens. „Wir haben keine Möglichkeit, in unseren Ländern zu leben. Aber hier sind wir auch nicht willkommen“, sagt Adeel. „Wo sollen wir denn hin? Wir fordern nichts Ungesetzliches, wenn wir hierbleiben wollen – und das ist auch keine Erpressung.“

Die Reaktionen auf den Hungerstreik sind unterschiedlich. Der Integrationsbeauftragte der Landesregierung, Martin Neumeyer (CSU), kritisierte den Protest: „Die Bereitschaft unserer Bürgerinnen und Bürger, den bei uns ankommenden Flüchtlingen zu helfen, war selten so groß wie in diesen Tagen.“ Der Hungerstreik verzerre das Bild der Flüchtlinge und mindere die hohe Aufnahmebereitschaft der Menschen.

Verständnis zeigt hingegen der Bayerische Flüchtlingsrat. „Die Staatsregierung treibt mit ihrer sturen Asylpolitik Flüchtlinge in die Verzweiflung“, so Sprecher Ben Rau. „Sie hat es in der Hand, den Protest zu deeskalieren.“

Noch sei nicht geplant, das Hunger-Camp zu räumen, sagt KVR-Chef Wilfried Blume-Beyerle im AZ-Gespräch. Ein Amtsarzt sehe regelmäßig nach den Streikenden, die Situation sei derzeit nicht lebensbedrohlich. „Aber wenn Gefahr für Leib und Leben der Flüchtlinge besteht, müssen wir tätig werden und die Versammlung auflösen.“

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