Projekt "Wohnen für Hilfe" WG-Besuch bei Elisabeth (83) und Xavier (27)

Azubi Xavier kümmert sich um Dackel Leo und den Garten von Frau Loebell – dafür wohnt er in ihrer Einliegerwohnung. Foto: Petra Schramek

Seit 20 Jahren bringt „Wohnen für Hilfe“ Senioren und junge Menschen zusammen. Die Älteren bieten günstigen Wohnraum, die Jungen leisten dafür Hilfe. Die AZ hat eine dieser ungewöhnlichen WGs besucht.

 

Neuhausen/Gern - Mitten in Gern, in einer ruhigen Straße, hinter buschigen Hecken, in einem etwas zurückgesetzten zweistöckigen Bau wohnt Elisabeth Loebell (83). Ihr Haus ist noch eines von denen, deren Architektur nach außen diskret ist und nicht protzt.

Erst wenn man über die Türschwelle tritt, offenbart sich einem eine Weitläufigkeit, mit der man nicht gerechnet hat. Eine gediegene Eleganz, Holzmöbel, ein Salon mit kleiner Bibliothek, im Garten ein Swimmingpool unter einem alten Nussbaum. Elisabeth Loebell könnte das alles für sich allein nutzen – doch sie teilt es: Mit einem jungen Mann, der ihr Enkel sein könnte. Ein Wohnarrangement, das beiden nützt.

Möglich gemacht hat das ein deutschlandweites Projekt, das in diesen Tagen sein 20-jähriges Jubiläum feiert: „Wohnen für Hilfe“ bringt Senioren mit Studenten und Auszubildenden zusammen.

1994 ist das Haus plötzlich leergestanden

Die Älteren bieten ein Zimmer für wenig Geld, die Jüngeren helfen dafür im Haushalt mit, mähen Rasen, machen Besorgungen oder kochen eine Kleinigkeit. Pro Quadratmeter Wohnraum, den die jungen Mieter bekommen, leisten sie pro Monat eine Stunde Hilfe (siehe unten).

Elisabeth Loebell und Javier Lezama (27) sind eines der 80 Wohnpaare, die es derzeit in München und im Landkreis gibt. Die beiden ungewöhnlichen WG-Partner sitzen am Wohnzimmertisch, an einer Ecke steht eine kleine goldene Dackelfigur, zu Loebells Füßen liegt ein größerer, echter Dackel und döst. Gemütlich ist es hier, harmonisch auch. „Wäre ich viel jünger, würde ich sagen: Es hat sofort gefunkt“, sagt Loebell scherzhaft und schaut zu Lezama. Sie ist eine robuste Frau mit wachen Augen, die gerne erzählt und dabei oft lacht.

Lezama, ein schmaler Mann mit Wuschelkopf, der noch ein Stück jünger wirkt als er ist, hört zu und lächelt still. In Mexiko, seiner Heimat, hat er Ingenieurwesen studiert, seit drei Monaten macht er in München eine Ausbildung in der Systemgastronomie. Davor war er hier Au Pair und hat ein Freiwilliges Soziales Jahr im Augustinum gemacht.

Bevor er nach Gern gezogen ist, hat er in einer winzigen Einzimmerwohnung gelebt. Der Idee, in eine klassische WG mit Gleichaltrigen zu ziehen, konnte er aber nicht viel abgewinnen. Deshalb „Wohnen für Hilfe“.

„Von älteren Leuten kann man viel lernen“

Dass seine WG-Mitbewohnerin so viel älter ist als er, stört ihn nicht. „Wenn man mit älteren Leuten spricht, kann man etwas lernen“, sagt er. Deutsch zum Beispiel. Seines ist noch etwas holprig, deshalb setzen er und Loebell sich in der Regel abends zusammen, ratschen ein wenig – und lachen viel. Oder wie Elisabeth Loebell es ausdrückt: „Wir lieben es außerordentlich, Witze zu machen.“

Eine kleine Kostprobe davon bekommt man gleich am Wohnzimmertisch geboten. Lezamas Hand ist in einen Verband gewickelt. Wie das denn passiert sei? „Bei der Arbeit hier“, sagt Lezama, schaut kurz ernst und fängt dann gemeinsam mit seiner Mitbewohnerin laut zu lachen an. Stimmt natürlich nicht, der Verband stammt von einem Sturz auf einer Treppe, nicht von dem Garteln oder dem Gassigehen mit dem Dackel Leo, das er für Elisabeth Loebell erledigt – sehr zu ihrer Zufriedenheit übrigens.

Ohnehin kann Loebell ihrer WG nur Positives abgewinnen: „Ich empfinde es als Bereicherung.“ So ist Lezama auch nicht der erste Student oder Azubi, den sie beherbergt. Fünf oder sechs „Wohnen für Hilfe“-Vorgänger haben schon in der Einliegerwohnung im Souterrain gewohnt, die sie an Studenten vermietet, so genau weiß das Loebell nicht mehr. Davor hatte sie bereits Freunde ihrer vier Kinder dort wohnen lassen. Zum ersten Mal 1994, ein Jahr, nachdem ihr Mann gestorben und das große Haus plötzlich sehr leer war. „Mir ging es hauptsächlich darum, jemanden da zu haben.“

Nur einmal hat es nicht geklappt

Natürlich müsse man schauen, wen man beherbergt. Vertrauen sei wichtig: „Man kann als alte Frau nicht irgendjemanden in sein Haus bitten.“ Aber bis auf eine Ausnahme habe es immer gut geklappt. Nur einmal habe sie einen Studenten gehabt, erzählt sie, der zwar den Part mit dem „Wohnen“ gerne in Anspruch genommen hat, aber das mit der „Hilfe“ wenig bis gar nicht einsah. Lange hat diese WG nicht gehalten.

Mit Lezama wird es anders laufen, langfristiger. „Ich fühle mich hier wie zuhause“, sagt er. „Wir haben viel Spaß“, sagt sie. Nur eines sei noch nicht perfekt: Lezama hat keinen Führerschein. Das wäre schon praktisch – „wir haben im Vorfeld leider vergessen, das zu besprechen“, so Loebell. Aber das passiert eben schon mal, wenn man sich sonst so gut versteht.

"Wohnen für Hilfe" - so funktioniert das Projekt:

„Wohnen für Hilfe“ bringt die Wohnpaare zusammen – in München bereits 620. Interessierte Senioren können sich beim Münchner Träger des Projekts, dem Seniorentreff Neuhausen melden unter % 1392 8419 - 20. „Sie werden dann persönlich besucht“, erklärt Brigitte Tauer von „Wohnen für Hilfe“.

Bei dem Gespräch geht es darum, herauszufinden, ob ein geeignetes Zimmer zur Vermietung vorhanden ist – und natürlich auch, ob für den Senioren das Projekt geeignet ist. „Man braucht schon eine gewisse Toleranz und muss sich bewusst sein, dass es ein junger Mensch ist, der einzieht“, sagt Tauer.

Wichtig: Die Studenten sind kein Ersatz für eine Pflegekraft. Jeden Freitag können sich Studenten und Azubis, die ein Zimmer suchen, beim Seniorentreff Neuhausen an der Leonrodstraße 14 b melden. Dort wird geschaut, wer zu wem passen könnte. Die Senioren bekommen drei Kandidaten vorgeschlagen, aus denen sie einen auswählen können. Danach wird einen Monat auf Probe zusammengewohnt. Klappt es, wird ein Wohnraumüberlassungsvertrag geschlossen, der sich an einem Untermietervertrag orientiert.

Pro überlassenem Quadratmeter wird rund eine Stunde Hilfe im Monat geleistet. „Bei einem 16-Quadratmeter-Zimmer sind das etwa 16 bis 20 Stunden Hilfe pro Monat.“ Zusätzlich zahlt der Mieter eine Nebenkostenpauschale. Die Mindestmietdauer beträgt ein Jahr.

 

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