Prinzregententheater "Snow Symphony" mit Gidon Kremer - die AZ-Kritik

Szene aus "Snow Symphony". Foto: Münchenmusik

Im Auge des Schneesturms: Slava Polunin und Gidon Kremer mit "Snow Symphony" im Prinzregententheater

 

Was passiert, wenn ein schräger Clown an einem windschiefen Tisch sitzt? Er knallt auf den Boden! Beim dritten Mal greifen seine vielsagenden Blicke: zähneknirschendes Karacho – und einer von 21 Orchestermusikern fliegt vom Stuhl. Seinem Weiterspielen im Gefüge virtuos flirrender Klassik, wie sie die Kremerata Baltica unter ihrem Leiter Gidon Kremer auf die Bühne zaubert, tut die Situationskomik keinen Abbruch. Im Gegenteil. Schließlich befinden wir uns ja nicht in einem Zirkus, wo Trommelwirbel Sensation signalisiert und ein skurril gewandeter Geselle lediglich als Zwischennummer für Gelächter sorgt.

Seit Dreikönig begrüßen im Prinzregententheater Zuglärm und unruhige Bahnhofsatmosphäre das Publikum. Dass man hier für eine Aufführung der „Snow Symphony“ richtig ist, bekräftigen weiße Schnipsel am Boden. Endlich Winter, könnte man meinen – doch es kommt erfrischend schlimmer.

Gemeinsam mit dem Geiger Kremer hat sich der Cirque-du-Soleil-erfahrene Russe Slava Polunin schon vor über zwanzig Jahren der fantasievollen Aufgabe verschrieben, in schneeigem Ambiente mittels einer melodramatischen Mixtur aus Live-Musik wild durcheinandergewürfelter Komponisten, Sound-Playblack und Körperkomik die Gefühle der Zuschauer zum Schmelzen und ihre Augen zum Strahlen zu bringen.

Was der ausgesucht dubiosen Schar clownesker Typen und den ebenfalls überaus aktiven Musikern auch Kraft einer Poesie gelingt, die ihre Witzigkeit aus alltäglichen Petitessen, kuriosen Eitelkeiten, versponnen Ideen und einer grandiosen Collage aus aktionsentschleunigten Glückmomenten und latenter Tristesse zieht. Oft reicht schon der Blick in die grob-melancholisch geschminkten Clownsgesichter. Dazu kommt die präzise Fertigkeit, mit großem Getue um Nichts – oder den von drei Pfeilen durchbohrten Leib - bzw. kleinsten Gesten alles Mögliche anzustoßen. Wunderbar absurd: Handlungen wie das Kneten von Luft oder miteinander Wetteifern im Steuern von zuschauerlichen Begeisterungsbekundungen per Heben respektive Senken der Arme.

Im Saal gibt es kein Halten

Schon in ihrer weltweit erfolgreichen „Snow Show“, die 2002 beim Münchner Tollwood-Festival zu Gast war, eroberte das ungleiche Kreativteam Polunin/Kremer die Herzen mit anrührenden Miniaturgeschichten. Das Duo zweier Clowns, die mit geblähtem Laken über ihrem Bettgestell bis zur Bühnenmitte segeln und dort – ganz undramatisch – in Seenot geraten, ist in der zur „Symphonie“ erweiterten Form nur eine davon: Die Klänge vom Band und im Orchester tosen. Dazu schlagen die Körper der Instrumentalisten Wellen. Ein weiterer Clown stürzt sich mit umgeschnallter Flosse in die neblige Flut. Horrorverdächtige Haifischgefahr als Steigerung von in ihrer Reduktion herrlich surrealen Impressionen. Nur Augenblicke später demontiert kindische Gier nach Applaus den suggerierten Ernst der Lage.

Die jungen Musiker haben die Clownereien längst angesteckt. Bereitwillig gibt das streicherdominierte Ensemble immer wieder neue Stimmungen vor, die Slava Polunin, sein gelber Co. und eine Mannschaft mit breitkrempigen Segelohrkappen aufgreifen. Eine Abwertung widerfährt der Musik dabei nie. Und treiben die Akteure es bei ihren Ausflügen ins Auditorium mit Kuscheln, Taschen Plündern und über Lehnen Klettern allzu bunt, können die Bögen auch mal schweigen. Das Vergnügen zuzusehen kurbeln alle zusammen nach der Pause noch einmal kräftig an. Bis sich zuletzt ein gewaltiger Orkan mitten hinein in die Stuhlreihen entlädt. Nach zwei kurzweiligen Stunden folgen auf das Schneegestöber noch große farbige Ballonbälle. Im Saal gibt es kein Halten mehr.

Noch bis Sonntag, 16 Uhr und 20 Uhr im Prinzregententheater, Karten unter Telefon 93 60 93

 

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