Prinzregententheater Bachs "Johannespassion" mit dem Rias-Kammerchor

Der Dirigent Justin Doyle. Foto: Matthias Heyde

Johann Sebastian Bachs „Johannespassion“ mit dem Rias-Kammerchor und der Akademie für Alte Musik im Prinzregententheater

 

Einst war die historisierende Aufführungspraxis dazu angetreten, mit den bescheiden dimensionierten alten Instrumenten Transparenz herzustellen. Mittlerweile passiert auch mal das Gegenteil. Justin Doyle, seit 2017 Leiter des Rias-Kammerchors, lässt den großartigen Eingangschor der „Johannes-Passion“ von Johann Sebastian Bach herunterrattern wie eine zu schnell eingestellte Maschine.

Im Spiel der sonst meist sorgfältig artikulierenden Akademie für Alte Musik Berlin sind einzelne Töne nicht mehr unterscheidbar, alles verschwimmt zu einem Brei, die von Bach genau gearbeiteten Akkordketten verkommen zum bloßen, hässlichen Geräusch. Und das im akustisch vorteilhaften Prinzregententheater.

Nach dem verhunzten Beginn geht es zwar nicht ganz so schlimm weiter, doch gut wird es deshalb noch lange nicht. Doyle hakt die Turba-Chöre wie die Choräle stereotyp gleich schnell und gleich laut ab. Der Rias-Chor singt das alles geläufig, doch das ersetzt keine musikalische Gestaltung.

Zumutungen eines Dirigenten

Immer wieder kommt es zu Geschmacksuntersicherheiten, Empfindeleien, die so sicherlich durch keinen barocken Traktat gedeckt sind. Diese historische Informiertheit war jedoch immer die Grundlage der Originalklang-Bewegung. Mit dem Engländer Doyle, Jahrgang 1976, ist die jüngere Generation dieser längst dominierenden Richtung bei einem reinen Manierismus angelangt.

Unterschiedlich gut kommen die Sänger mit dem nur scheinbar spontanen, eigentlich meist bloß ungeordneten Musizieren zurecht. Der Altist Benno Schachtner und der Tenor Raphael Höhn lassen interessante Stimmen hören, scheitern jedoch in den Arien daran, längere Linien sinnvoll zu phrasieren. Eine Freude ist Marie-Sophie Pollak mit ihrem intensiv leuchtenden Sopran und ihrem perfekten Non-Legato, und auch Matthias Winckhler gelingt es, seinen in allen Registern volltönenden Bass gegenüber den Zumutungen des Dirigenten zu verwahren.

Souverän behaupten sich die erzählenden Solisten, Werner Güra als weich intonierender Evangelist und Dominik Köninger mit seinem jugendlichen Sprechgesang für die Christus-Worte. Dass aber auch diese rezitativischen Partien Arioses, ja, bisweilen richtige Kantilenen aufspannen, können die beiden nicht verwirklichen. Dafür behandelt Doyle sie, wie letztlich alle Mitwirkenden, zu rücksichtslos.

Die Akademie für Alte Musik setzt ihre Konzertreihe im Prinzregententheater am 5. Juni fort. Valer Sabadus singt um 20 Uhr sein Programm „„Empfindsamkeit“ – Arien für Carestini & Salimbeni von Graun, Gluck, Jommelli, Caldara und Händel

 

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