Premiere im Residenztheater "Das goldene Vließ" von Franz Grillparzer - die AZ-Kritik

Auf der Flucht nach Europa: Meike Droste (Medea) und Johannes Zirner (Jason) in „Das goldene Vlies“. Foto: Thomas Aurin

Medea ist nicht willkommen: Anne Lenk adaptiert Grillparzers „Das Goldene Vlies“ fürs Flüchtlings-Heute im Residenztheater

"Welcome“ steht in weißen Lettern auf einem schwarzen Transparent, das hinten über der Bühne des Residenztheaters hängt. Unter dem Schriftzug haben sich ein paar Anzugträger an einem Tisch versammelt. Es sind moderne Götter, Schreibtischtäter, die wohl auch darüber verhandeln, wie weit die Willkommenskultur gehen soll: in einem Europa, das durch ein gigantisches Rad mit 12-Sterne-Kranz als deutliches Symbol präsent ist.

Dass Anne Lenks Inszenierung von Grillparzers dreiteiliger Mythenbearbeitung „Das Goldene Vlies“ den Anspruch hat, etwas vom Heute der Flüchtlinge, von Integration und Widerstand gegen das Fremde bis hin zur Abschiebung zu erzählen, drängt sich optisch durch Bühnenbild, Requisiten und Kostüme auf.

Starke Zeichen, überall: Wenn Medea zusammen mit ihrer Amme Gora in Korinth ankommt, auf der Soundspur Meeresrauschen, schleppen sie ihr Hab und Gut in Plastiktüten mit. Bunte Zelte fliegen auf die Bühne, welche die Asylanten als Wohnstatt akzeptieren müssen. Später, nach der Pause, werden sie sich am schriftlichen Einbürgerungstest abmühen.

Zeitlos?

Die Frage, wieso man ein altes Stück auf die Bühne bringt, ist bisweilen berechtigt. Aber ist mancher Text nicht zeitlos? Lenk und ihre Dramaturgin Andrea Koschwitz knallen einem nun die Aktualität vors Auge, was plakativ ist, aber den positiven Effekt hat, dass man anders auf den Grillparzer-Text hört. Da bekommen manche Sätze mehr Dringlichkeit, gerade wenn es um Heimat, Flucht und Fremdsein geht. Die Chronologie der Trilogie haben Lenk und Koschwitz aufgebrochen, klinken sich so in Medeas Bewusstseinsstrom ein, in den Episoden der Vergangenheit als Traumata hineinfließen.

Dominant ist dabei der dritte Grillparzer-Teil gesetzt, „Medea“, mit dem der Abend beginnt: mit Medeas Versuch, ihre alte Identität loszuwerden, indem sie das von allen begehrte Goldene Vlies in der Erde vergräbt. Von dieser Last befreit, will sie ein neues Leben in Korinth aufbauen. Bald ahnt sie jedoch, dass zwar Jason und ihre zwei Kinder bei König Kreon (Oliver Nägele) willkommen sind, sie selbst aber nicht. Das löst die erste vernebelte Rückblende aus, angelehnt am ersten Teil, „Der Gastfreund“: Medeas Vater empfängt den Reisenden Phryxus in der Landschaft Kolchis und vergiftet diesen mit Hilfe Medeas, um das Goldene Vlies, ein Widderfell, das seinem Besitzer Macht verleiht, an sich zu reißen. Die Begegnung von Phryxus und Medeas Volk inszeniert Lenk in starken Kontrasten: hier die tanzenden Wilden, dort Phryxus mal drei, als Missionare mit Kreuz im Gepäck.

Ein Hauch von Indiana Jones

Wenn das alles sich in Medeas Kopf abspielt, fragt man sich, wieso wirken dann die „Wilden“ in ihren Kostümen so klischeehaft, als seien sie dem „König der Löwen“ entsprungen? Als Flüchtlings-Parabel mit Verbindung zur Geschichte der Kolonialmächte lässt sich der ganze Grillparzer nicht einheitlich lesen. So flieht Medea nicht vor einem Bürgerkrieg, sondern lässt sich von der Liebe zu Jason mitreißen. Aber Lenk und ihr Team lassen den Assoziationen freien Lauf. Im ebenfalls eingestreuten, zweiten Grillparzer-Teil, „Die Argonauten“, seilen sich Jason und Milo (René Dumont) in Forscherkluft mitsamt Tropenhelm in Kolchis ab, als ob sie zum deutschen Afrika-Korps gehören.

Etwas Indiana Jones schwingt da mit. Unterhaltsam ist Lenks Inszenierung, ein Blockbuster mit spektakulären Momenten, aber in seinem Drang, eine triftige politische Aussage zu treffen, mit Anklängen gar an Pegida-Aufmärsche, schlicht zu viel des Guten. Einige feine Szenen entwickeln sich im Lauf von fast drei Stunden, zwischen Medea und ihrer verzweifelt bemühten Amme (Katrin Röver) oder Medea und Jason, den Johannes Zirner zwischen verhaltener Scham und glatter Feigheit spielt.

Das Spiel wird aber allzu oft durch zu viel Konzept zugeschnürt. Gerade die Liebe Jasons zu Medea bleibt Behauptung. Da kann die wunderbare Meike Droste als Medea die einzelnen Emotionen noch so still bis explosiv spielen – das Drama geht verloren. Am Ende berührt es wenig, wenn Medea ihre Kinder umbringt und den Palast Kreons in Flammen setzt. Nora Buzalka steht dann als weißgekleidete Königstochter Kreusa im Rund der Europa-Sterne, tönt intensiv ins Retro-Mikro. Und man denkt sich: Ja, Europa steht in Flammen und schreit. Aber das große Theaterbild überschattet Medeas Leiden.

Residenztheater, 10.12., 22.12., 9.1., 16.1., Telefon 2185 2020

 

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