Premiere im Münchner Volkstheater "Schuld und Sühne" nach dem Roman von Dostojewski

Oliver Möller als Anwalt Luschin, der fabelhafte Paul Behren in der Rolle des Raskolnikow sowie Jakob Geßner und Moritz Kienemann als dessen Freunde (von links), die sich in Christian Stückls Bühnenadaption von „Schuld und Sühne“ eine Studentenbude teilen. Foto: Gabriela Neeb

Christian Stückl hat Fjodor Dostojewskis berühmten Roman „Schuld und Sühne“ auf die Bühne des Volkstheaters gebracht

 

„Bin ich eine Laus wie alle anderen oder ein Mensch?“ Mit „Mensch“ meint Rodion Raskolnikow nichts Geringeres als den „außergewöhnlichen Menschen“ vom Schlage eines Mohammed oder eines Napoléon. Einer Persönlichkeit eben, nach der nichts mehr so ist wie vorher. Und ein solcher außergewöhnlicher Mensch steht außerhalb der Moral, darf oder muss sogar Verbrechen begehen, um dem Neuen den Weg zu ebnen.

Was Rodja, wie ihn die wenigen Freunde zärtlich nennen, schmerzt und zunehmend zerrüttet, ist die Unsicherheit, möglicherweise doch nur eine Laus zu sein. Christian Stückl hat den berühmtesten Mörder der Weltliteratur auf die Bühne seines Volkstheaters gebracht und aus den rund 800 Seiten des Romans „Schuld und Sühne“ von Fjodor Dostojewski einen Theaterabend von zwei Stunden und 50 Minuten destilliert. Seine Inszenierung beginnt unmittelbar nach den Morden an einer Pfandleiherin und ihrer Schwester. Während Raskolnikow, die Axt noch in der Hand, über die Bühne flüchtet, werden hektisch montierte Bilder von Krieg, Kriegsherren und Menschenmassen, die ihren Führern huldigen, übergroß projiziert.

Zusammenhang mit dem Terror

Dieses Verbrechen, so macht Stückl umweglos klar, steht im Zusammenhang mit Ideologie und Terror. „Seine Kammer“, so heißt es im Roman über die prekären Wohnverhältnisse Raskolnikows, „lag unmittelbar unter dem Dach des hohen vierstöckigen Hauses und hatte in der Größe mehr Ähnlichkeit mit einem Schrank als mit einer Wohnung“. Ausstatter Stefan Hageneier widerspricht Dostojewski und baute dem abgebrochenen Jura-Studenten eine weitläufige Wohnküche, in der eine studentische Wohngemeinschaft haust. Daran schließt ein bühnengroßer drehbarer Zylinder an.

Das ist ein Thinktank mit Klavier und Laptop, in den sich Rodja zurückzieht, um seine künftige Bedeutung für die Weltgeschichte zu erbrüten. Diesen Raskolnikow muss man erlebt haben. Lauernd wartet er auf Gelegenheit, seinen Kumpels Rasumichin (Jakob Geßner) und Sossimow (Moritz Kienemann) seine Philosophie um die Ohren zu schlagen. Lustvoll terrorisiert er seine Freundin, die Prostituierte Sonja (Carolin Hartmann), und zerstört mit Freude am Kaputtmachen die Beziehung zwischen seiner Schwester Dunja (Magdalena Wiedenhofer) und dem zugegebenermaßen unangenehm eitlen Anwalt Luschin (Oliver Möller).

Allmählich entwickelt er scheinbar nur aus den Unterarmen heraus eine ganz eigene, Aufmerksamkeit und Unterwerfung zugleich fordernde Gestik und übt, wenn er glaubt, alleine zu sein, eine verführerische Rhetorik. Der Weg vom spinnösen Eigenbrötler zum Autokraten, der über Leichen geht, ist hier beunruhigend kurz.

Paul Behren ist als Raskolnikow eine Entdeckung. Der erst 24-Jährige ist das Zentrum von Stückls Literaturadaption und das schnell pochende Herz einer an den Rändern bröckelnden Inszenierung. Vor allem die Frauen bleiben ohne Konturen. Was Rodja und Sonja verbindet, wird einfach nicht erzählt. Ein Kuriosum ist der Untersuchungsrichter Porfirij. Pascal Fligg ist großartig als jovial das intellektuelle Duell mit dem Mann, den er von Anfang an für den Mörder hält, genießender Ermittler. Aber er scheint aus einer schrill bunten Kriminalkomödie, die gar nicht auf dem Spielplan steht, in die graue Dostojewski-Welt gepurzelt zu sein.

Münchner Volkstheater, 17., 20., 26., 27. Dezember, 7., 28. Januar, 6., 7. Februar, 19.30 Uhr. Telefon 5224655

 

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