Sophie Hunger beginnt - ein wenig wacklig - ihre kleine Münchner Club-Tour in der Freiheizhalle

Der Beat zu Beginn des Konzerts hüpft mit einer atemberaubenden Frequenz durch, ist schneller als jeder Herzschlag, ist eine einzige Ansage. Denn hier, in der Freiheizhalle, soll minimale Elektronik den Abend dominieren, nicht die übliche Melange aus Jazz, Folk, Soul und Chanson, die man von Sophie Hunger kennt.

Auf ihrem neuen, sechsten Studioalbum „Molecules“ hat die Bernerin, unter anderem beeinflusst von der Clubszene ihrer Wahlheimat Berlin, einen Entwicklungssprung zum Elektropop gemacht, hin zur Drum-Machine und zu mehr Synthesizersound, was tatsächlich molekular klingt, fieselig-kleinteilig, dabei mitunter so eindringlich monoton wie dieser eine kühl durchklopfende Beat.

Mit dem Album-Opener „She makes president“, Hungers Elektro-Ode an die Kraft der Frauen, die in den USA jedoch auch dafür mitsorgten, dass Donald Trump Präsident wurde, eröffnet sie zusammen mit ihrer dreiköpfigen Begleitband auch das Konzert. Es ist das erste ihrer neuen Tour; seit eineinhalb Jahren stand sie nicht mehr auf der Bühne, erzählt Hunger in einer ihrer rar gestreuten Ansagen.

Spaghetti mit Spinat

Im Rahmen ihrer erneuten „Sophie Hunger Festspiele“ bestreitet sie gleich drei Konzerte in München: Donnerstag Auftakt in der Freiheizhalle, dann ab ins Technikum und heute in den Club Strom, der mit seinen schmaleren Raumverhältnissen vielleicht noch mehr zu Hungers Konzept der Reduktion passt.

In der Freiheizhalle wirkt jedenfalls alles noch sehr luftig, sowohl das Quartett auf der Bühne, von hinten wie von Heizstrahlern lichtbestrahlt gegen die Kühle der Elektronik, als auch die Dramaturgie des Abends. Der zerfasert immer mehr, weil es sich dann doch als Ding der Unmöglichkeit entpuppt, die neuen Elektro- und die alten Jazz-Folk-Chanson-Zeiten zu einem homogenen Ganzen zu vereinen. Abwechslungsreich ist das Konzert damit allemal, alles hat irgendwo seinen Platz: die tanzbare Clubsause mit Krautrockanleihen („Tricks“), die frühere Folkmelancholie mit schönen Fingerpickings („Supermoon“) als auch der entspannt jazzige Groove inklusive Pfeifsolo („Spaghetti mit Spinat“).

Die Vergangenheit bleibt nun mal an einem hängen und spielt in die Gegenwart hinein, musikalisch wie emotional. Die Trennung von ihrem Lebenspartner hat Hunger unter anderem zu ihrer elektronischen Neugeburt veranlasst, was sich in einigen Songs unverblümt niederschlägt. In „There is still pain left“ thematisiert sie die gescheiterte Beziehung, das Hängenbleiben am Ex, der keinen Durchblick hat: „You kiss your nightmares everywhere, why can’t you see you should be kissing me.“

Neue Wendungen, neue Träume

Aber wenn das Alte nicht mehr so ist, wie man es gerne hätte, heißt es eben Loslassen - auch für die Fans, die aufmunternd das Neue bejubeln, während Hunger selbst noch nicht ganz zufrieden wirkt. Nicht jeder Elektrofunke springt über - es könnte mehr getanzt werden -, einiges muss sich noch einspielen. Ihre neue Band macht dabei schon jeden Stilwechsel souverän mit: Neben Keyboarder und Flügelhornist Alexis Anérilles hat Hunger sich mit Marielle Chatain an Synthesizer und Bariton-Saxophon sowie Mario Hänni an den Drums ein feines, zukunftsträchtiges Team zusammengestellt.

„Today today, hurray hurray“, singt sie, und selbst wenn das ironisch klingt, sollte man sich doch vom Heute berauschen lassen, gerade, wenn die Erinnerung ans Gestern noch Schmerzen bringt. Und die Zukunft? „What do you do when your dreams have all come true?“, heißt es im Refrain von „Tricks“, und natürlich gibt es immer wieder neue Wendungen, neue Träume. Der Trip in die Elektronik mag noch leicht holpern, aber mit ihrem Applaus geben die Fans Hinweis genug, dass sie Hunger eh überallhin folgen würden: in der Gemeinschaft sowie als Elementarteilchen beim Zuhören zuhause. 

Das Konzert am 8. September im Strom ist bereits ausverkauft