Pop Die Haute Couture des Pop

Hannah Blilie, Beth Ditto und Nathan Howdeshell: Gossip sind auf der Tanzfläche. Foto: Rankin / Sony Music

„A Joyful Noise“ – Beth Ditto und ihre Band Gossip haben ihren Sound neu justiert

 

Gefährlich, wie Nathan Howdeshells E-Gitarre in „Horns“ ihren Moll-Akkord wie Rohputz an die Wand wirft. „The beat goes on“ skandiert Beth Ditto und Hannah Blilies Drums springen mit Breaksalto in den Funk. Cowbell, fiese prädigitale Synthiesounds. Drei Minuten, 46 Sekunden. Schade, vorbei. Um funkadelic abzuheben, könnte die Nummer, die sich subtil von Madonnas „Music“ hat inspirieren lassen, locker dreimal so lang sein.

Aber wer nicht mehr den Soundtrack für die Indieclubs bastelt, sondern in den großen Mainstreamlinien des Pop denkt, zahlt seinen Preis. „A Joyful Noise“ heißt das aktuelle Album von Gossip. „Perfect World“, die erste Single, ist Powerpop für Radio und Stadion. Ein Song, der mit seinem wachsweichen, slogangestättigten Text den Traum einer besseren Welt natürlich nur scheinbar träumt. Von „TV total“ bis „Wetten Dass ... ?“ hat sich Beth seit dem vierten Studioalbum „Music For Men“ als sympathische Energiekugel gezeigt. An ihr konnte die massenkompatible Sehnsucht nach einem Popstar der die heterosexuelle Schönheitsnorm überwindet, gefahrlos andocken. Karl Lagerfeld war inspiriert. Ist damit schon die Welt verändert? Ditto macht weiter im Lifestyle-Business und bringt demnächst eine eigene Make-up-Linie heraus.

Kalte Keyboardflächen treten gegen die analoge Gefahr an

Begleitet vom Rauschen der Oberfläche musste sich der Sound der Amerikaner tiefgreifend verändern. Mit Brian Higgins, der auch schon mit Kylie Minogue und den Pet Shop Boys arbeitete, hat die Band einen idealen Produzenten gefunden. „Melody Emergency“ – die ersten Töne drückt ein knurrig angezerrter Bass auf das Album. Higgins lässt kalte Keyboardflächen gegen die analoge Gefahr antreten. Schleift in „Go To Work“ Beth Dittos Stimme durch den Sampler, bevor sie den sehnsüchtigen Soul auf der Tanzfläche wiederfinden darf. Weiß, wann er, wie in den letzten Albumsekunden, nichts als die reine Disco regieren lässt.

Die reizende Kühle der Elektronik balanciert Higgins mit Gefühl aus. Und Gossip gelingt in diesem sensiblen System ein Song wie „Casualties Of War“. Zwei Basstöne einer akustischen Gitarre als Landelichter, die zu dieser Stimme hochleuchten. Jetzt hat Beth Zeit, einen Refrain vorzubereiten, der mit der edlen Ruhe einer Boeing in der Warteschleife kreist.

Gossip: „A Joyful Noise“ (Sony Music)

 

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