Polizistin in Kopf geschossen Alexander B. am dritten Prozesstag: "Ich wollte mein Leben retten"

, aktualisiert am 12.04.2018 - 16:26 Uhr
Der Beschuldigte Alexander B. vor Gericht. Foto: jot

Mit Prügel in einer Münchner S-Bahn beginnt das Drama am 13. Juni 2017. Kurz darauf bricht eine junge Polizistin zusammen – ein Randalierer hat ihr in den Kopf geschossen. Am Donnerstag hat der mutmaßliche Schütze überraschend ausgesagt. Seine Mutter entschuldigt sich bei der Opfer-Familie.

München - Der Angriff dauert 23 Sekunden. Der Mann stürzt auf den Polizisten zu, stößt ihn in Richtung der einfahrenden S-Bahn. Es kommt zu einem Gerangel, der Angreifer greift sich die Dienstwaffe des Polizisten – und richtet sie auf dessen junge Kollegin. Die Frau fällt zu Boden. Ein Zusammenschnitt aus Videoaufnahmen verschiedener Überwachungskameras dokumentiert die Geschehnisse am Morgen des 13. Juni 2017 am Münchner S-Bahnhof Unterföhring.

Zu Prozessbeginn wollte Alexander B. über die Tat selber nicht reden. Doch dann ergreift der 38-Jährige Donnerstag am dritten Verhandlungstag überraschend doch das Wort, um seine Motive und Gedanken zu erklären. 

Er spricht über die Minuten auf dem Bahnsteig und die davor: "Ich habe mich völlig ausgelaugt gefühlt – körperlich und seelisch", sagte er laut verlesenem Protokoll. Einerseits wird aus einem Gesprächsprotokoll vorgelesen, teilweise spricht Alexander B. am Donnerstag auch selbst.

Alexander B. vor Gericht: "Ich wollte mein Leben retten"

Er war zuerst in eine andere S-Bahn gestiegen, fühlte sich aber dort von einem Mann bedroht. "I wanted to save my life". Übersetzt: Ich wollte mein Leben retten – mit diesem Satz rechtfertigt sich der Angeklagte am Donnerstag. Er spricht Deutsch und Englisch, wechselt von Satz zu Satz zwischen den Sprachen und hat einen starken Akzent.

"Er hatte die Hand hinter dem Rücken. Ich dachte, er hat ein Messer oder eine Pistole in der Hand", wird aus dem Protokoll verlesen. Deshalb stieg er in eine andere Bahn. Dort trifft er auf den Mann, den er später schlagen soll. "Er hat mich in lachender Weise angeschaut", heißt es im Protokoll. Alexander B. sagt weiter vor Gericht: "Ich konnte meine Gedanken nicht kontrollieren. Ich habe nicht gewusst, was ich mache, was ich denke."

Kurz entspannten sich seine wirren Gedanken – dann kam die Polizei

Vor Gericht erzählt er mehrmals, dass er das Gefühl hatte, dass die Menschen um ihn herum ihn umbringen möchten. Nachdem er den Mann geschlagen hat, entspannen sich seine wirren Gedanken auf dem Bahnsteig kurz. Doch dann kommt die Polizei.

Vor Gericht sagt er: "Ich war so aufmerksam, auf dem Sprung, ich hatte das Gefühl, dass mein Leben in Gefahr ist." Dann glaubt er zu hören, dass die Polizei sagt, dass sie ihn erschießen möchten, aber damit warten wegen der Kameras. "Ich wollte mein Leben retten, als ich den Polizisten geschubst habe." Der Schuss habe sich dann einfach gelöst. "Ich habe daheim in den USA ein bisschen geschossen, aber nicht professionell"

Als ihn die Nebenklagevertreterin fragt, wie er die Ereignisse heute sehe, sagt der Angeklagte nur: "Es war eine Tragödie." Heute glaube er nicht, dass sein Leben in Gefahr gewesen sei. 

Bahnhof Unterföhring: Zeugin schildert Horrorszenen in S-Bahn

Was die Zeugin Chiara K. schildert, lässt erahnen, in welcher Todesangst die Anwesenden an jenem Morgen schwebten. Die 22-Jährige saß in der S-Bahn – sah, wie die Polizistin schoss und angeschossen wurde. "Ich dachte, es wäre ein Terroranschlag und gleich stürmen sieben bis acht vermummte Männer in den Waggon. Ich wollte raus, das ging aber nicht, weil sich alle auf den Boden gelegt haben. Ich hab mich drauf gelegt. Ich war die dritte Schicht."

Als die Mutter von Alexander B. vor Gericht erscheint, wird die Verhandlung kurz unterbrochen. Sie soll ihren Sohn begrüßen können, die beiden haben sich schon längere Zeit nicht mehr gesehen. Danach richtet sich die kleine Frau mit kurzen, grauen Haaren und einer unauffälligen Brille zuerst an die Familie der Polizistin: "Ich möchte sagen, wie leid es mir tut für Jessica und ihre Familie. Ich als Mutter weiß, wie schlimm es sein muss, wenn das Kind durch so einen schrecklichen Vorfall schwer krank ist. Mein Mitleid und das meiner Familie kommt von Herzen." Die Worte erreichen die Eltern der Polizistin nicht direkt – sie sind nicht im Sitzungssaal anwesend.

Mit ihrer Aussage gibt die Mutter Einblick in die psychischen Abgründe ihre Sohnes. Der Angeklagte hat zwei Brüder, als Kind sei er noch nicht auffällig gewesen. Er sei ein guter Sportler gewesen, besonders im Fußball – und wie seine Eltern sehr musikalisch. Die Mutter ist Musikerin und Musiktherapeutin. Sie lebt seit 20 Jahren in Colorado und spricht besser Deutsch als ihr Sohn. Einen Dolmetscher braucht sie nicht.

Mutter erzählt: Um nicht verlassen zu werden, baut er Unfall

Eine On-Off-Beziehung führt Alexander B. nach Aussage der Mutter mit der Frau, mit der er eine gemeinsame Tochter hat. Sie glaubt, dass er einmal absichtlich einen Unfall provoziert hat, nachdem er und Ashley sich gestritten hatten – er wurde schwer verletzt. 2011 muss die Familie die Polizei rufen, weil der Angeklagte austickte. "Er war außer sich. Da habe ich gewusst, dass etwas mit meinem Sohn nicht richtig ist."

Fast wird der Angeklagte bei diesem Polizeieinsatz erschossen. Für ein oder zwei Wochen kommt er in eine Psychiatrie. Die Polizei hatte ihn erst für eine Nacht eingewiesen, doch als er wieder zu Hause war, versuchte er sich im Garten seiner Eltern zu töten.

Löste ein Hochzeitsfoto die blutige Tragödie aus?

"Leider habe ich mit meinem Sohn nicht offen über seine Probleme geredet. Im Rückblick war das falsch", sagt die Mutter vor Gericht. Als seine On-Off-Freundin Ashley am 11. Juni 2017 einen anderen Mann heiratet, muss das ein schwerer Schlag für den Angeklagten gewesen sein. Um dem zu entgehen, fliegt der Angeklagte nach Europa. Am 12. Juni - einen Tag bevor sich das blutige Drama in Unterföhring ereignet - schickt ihm Ashley ein Hochzeitsfoto. "Vielleicht hat er da gedacht, dass er seine Tochter verloren hat", versucht seine Mutter die Tat irgendwie zu erklären. 

Der 38-Jährige ist seit der Tat in Unterföhring in einer psychiatrischen Klinik untergebracht. Die Anklage wirft ihm gefährliche und schwere Körperverletzung und versuchten Mord vor. Die Staatsanwaltschaft geht von einer Schuldunfähigkeit zur Tatzeit aus und hat deshalb keine Anklage verfasst, sondern einen Antrag auf Durchführung eines Sicherungsverfahrens gestellt.

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