"Polizei und Justiz schauen weg" Zwei neue Fälle: Schon wieder Schlüsseldienst-Abzocke

Student Lukas F. (Name geändert) bekam vom „Schlüsselnotdienst Tag und Nacht“ eine Rechnung über 1037,80 Euro Foto: Petra Schramek

Schlüsseldienste verlangen teils horrende Summen, gerne auch mal über 1.000 Euro für eine Türöffnung: Unseriöse Firmen werden immer dreister. Drei Opfer klagen an.

München - Sie fahren gern in dicken, schwarzen Limousinen vor, üben Druck auf ihre Kunden aus und verlangen horrende Preise – sofort in bar oder per EC-Karte.

Die schwarzen Schafe unter den Schlüsseldiensten werden immer dreister. Nach dem AZ-Bericht über Dénes N. aus Johanneskirchen, der nachts aufgefordert wurde, 1.012,51 Euro für die Öffnung einer ins Schloss gefallenen Tür zu zahlen, meldeten sich weitere Münchner. Auch sie zahlten in ihrer Notlage völlig überhöhte Rechnungen.

"Dreckiges Geld? Gibt es nicht!", lautet das Motto des Abzockers

Die Münchner fühlen sich abgezockt und von der Polizei und Justiz allein gelassen. "Es kann doch nicht sein, dass sich solche schwarzen Schafe ungehindert bereichern können. Die Polizei uns Justiz schauen weitgehend weg", sagt Opfer Lukas F.

Fall 1

Tontechniker Dénes N. (39) aus Johanneskirchen hatte seinen Schlüssel in der Wohnung vergessen. Er kam erst nachts nach Hause. Als er die Tür nicht selbst öffnen konnte, googelte er "Schlüsseldienst" und "Johanneskirchen". Gleich die erste Firma namens www.tun24.de, die erschien, rief er an. Was er nicht wusste: Vor dieser Vermittlerfirma warnen Verbraucherzentralen bundesweit immer wieder. Anstelle von ortsansässigen Monteuren reisen die Unternehmer oft von weither an. Sie stellen bewusst überhöhte Rechnungen – der Vermittler kassiert für den Auftrag eine hohe Provision.

Dénes N. wurde gedrängt, mit zum EC-Automaten zu fahren und zahlte zähneknirschend 1.012,51 Euro. "Ich wollte nur noch ins Bett." Eine seriöses Schlüsseldienstfirma, die für die AZ die Tür begutachtete, versicherte, der Einsatz hätte maximal 220 bis 270 Euro kosten dürfen.

Fall 2

Marketingmanagerin Nika S. hatte ebenfalls ihren Schlüssel in der Wohnung vergessen. Eine Freundin, bei der sie einen Zweitschlüssel deponiert hatte, war im Urlaub. Die 34-Jährige googelte "Schlüsseldienst" auf ihrem Smartphone und rief bei "Schlossexperte.de" an. "Ab 9,- €" wirbt das Unternehmen online. Das erscheint Nika S. heute wie eine Verhöhnung.

Nach langem Warten kommt ein Mann vom "Schlüsselnotdienst Tag und Nacht" zu Nika S. Nach 90 Minuten Arbeit präsentiert er die Rechnung: 1.210,47 Euro! Die junge Frau wird gedrängt, mit EC-Karte zu zahlen – obwohl der Monteur seine Arbeit nicht einmal beendet hat.

Er hat den Zylinder ausgetauscht, aber keine Sicherheitsrosette dabei. Erst später wird Nika S. klar, dass sie abgezockt wurde. "Die waren zu zweit. Ich habe mich überrumpelt gefühlt", sagt sie.
Die Firma "Schlossexperte.de" ist für Insider ebenfalls keine Unbekannte. "Die sind schon oft negativ aufgefallen", sagt Justiziarin Gabriele Berhardt von der Zentrale gegen unlauteren Wettbewerb.

Fall 3

Nur wenige Tage später gerät der Student Lukas F. aus Giesing offenbar an denselben Mitarbeiter vom "Schlüsselnotdienst Tag und Nacht". Er muss für den einstündigen Einsatz 1.037,80 Euro zahlen. Überrumpelt zahlt der Student.
Später erstattete er Anzeige wegen Wuchers . Dénes N., der bei der Polizei in Ismaning ebenfalls Anzeige erstatten wollte, wurde wieder weggeschickt. Er solle es mit einer Zivilklage versuchen.

Offenbar kommt es ganz selten überhaupt zu Strafprozessen gegen Abzock-Firmen. Im Amtsgericht München sind den zuständigen Richtern gerade mal zwei Wucher-Prozesse in Erinnerung – seit 2007! Als sich der Monteur bei Nika S. ankündigte, um seine Arbeit zu beenden, rief sie die Polizei dazu. Doch davon blieb der Mann völlig unbeeindruckt. Auch, dass es schon mehrere Anzeigen gegen ihn gibt, lässt ihn offensichtlich kalt. Die Polizei ließ ihn wieder gehen.

Der Mann kann sich in Fäustchen lachen – ganz nach dem Motto eines Whatsapp-Profils: Dort zitiert er den Mafioso Lucky Luciano (1897-1962) mit dem Satz, dass es kein dreckiges Geld gäbe: "Theres’s no such thing as good money or bad money. There’s just money."

Dénes N., Lukas F. und Nika S. haben eine "Selbsthilfegruppe" gegründet. Sie suchen weitere Opfer, um gemeinsam gegen die Abzocker vorzugehen.

Lesen Sie hier: AZ-Interview - Gabriele Bernhardt: "Nur so kann der Sumpf ausgetrocknet werden

 

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