Politologe im AZ-Interview "Für Seehofer würde sich der Innenminister anbieten"

Politologe Oskar Niedermayer über die neue CSU-Doppelspitze Horst Seehofer und Markus Söder. Foto: Peter Kneffel/dpa/AZ

Horst Seehofer bleibt Parteichef, Markus Söder soll hingegen der neue bayerische Ministerpräsident werden. Politikwissenschaftler Oskar Niedermayer über die Zukunft der beiden Kontrahenten.

München - Die AZ hat mit Oskar Niedermayer gesprochen. Der 65 Jahre alte Professor der Freien Universität Berlin ist einer der bekanntesten Politologen Deutschlands.

AZ: Herr Niedermayer, kann das wirklich gutgehen – Markus Söder und Horst Seehofer gemeinsam an der Spitze?
OSKAR NIEDERMAYER: Das Naturell der beiden spricht ein bisschen dagegen. Aber die Chance ist relativ groß, dass sie zumindest nach außen hin Einigkeit herstellen und bis zur Wahl bewahren können, um ein möglichst gutes Ergebnis zu erzielen. Letztendlich hat es keine andere Option gegeben.

Hätte man sich dann den Machtkampf der letzten Wochen nicht sparen können?
Seehofer fiel es schwer, von der Macht zu lassen. Die meisten Politiker, die so weit gekommen sind, verpassen den optimalen Zeitpunkt für einen Absprung. Er hätte nach der der Bundestagswahl sagen können: Das extrem schlechte Ergebnis nehme ich auf meine Kappe und mache Platz für einen Nachfolger. Aber da waren ja noch die persönlichen Probleme mit dem designierten Nachfolger, den er unbedingt verhindern wollte. Kein Wunder, dass Seehofer so lange brauchte, das Unvermeidliche zu akzeptieren. Und es hat ja auch schon fast Tradition in der CSU, solche Machtkämpfe immer etwas brutaler auszutragen als andere Parteien das tun.

Was auch großen Schaden anrichten kann.
Man muss das nicht immer unbedingt negativ sehen. Immerhin gibt es überhaupt einen Wettbewerb um diese Spitzenpositionen – und das auch öffentlich. Bei anderen Parteien ist das seit Jahrzehnten nicht mehr der Fall. Da wird in den Hinterzimmern die Führung ausgeklüngelt und der jeweilige Parteitag vor vollendete Tatsachen gestellt. Aber wenn der Wettbewerb in eine Schlammschlacht ausartet, führt das natürlich zu Unmut in der Öffentlichkeit.

Wie kam es zu dieser offenen Feindschaft zwischen Seehofer und Söder?
Vor gut zehn Jahren war der Presse durchgestochen worden, dass Seehofer ein uneheliches Kind hat. Seehofer hegte damals wohl den Verdacht, dass Söder dafür verantwortlich war. So ein Konflikt kann dann schon mal längere Zeit andauern. Und natürlich möchte man als Machtmensch keinen anderen starken Mann neben sich haben.

Falls es zu einer Großen Koalition kommt, würde Seehofer wohl ein Ministeramt in Berlin übernehmen. Welches?
Da würde sich der Innenminister anbieten, um in der Flüchtlingsfrage weiter mitbestimmen zu können. Es ist immer noch das zentrale Thema für die CSU, auch im Hinblick auf die Bayernwahl und die AfD. Und Frau Merkel wäre bestimmt auch froh, wenn die restriktiveren Aspekte des Kompromisses, den es in der Flüchtlingsfrage innerhalb der Union gegeben hat, von einem CSU-Minister verantwortet und durchgesetzt werden.

Deswegen also die gestrige Ankündigung von Joachim Herrmann, auf eine Position in Berlin zu verzichten?
Hätte Herrmann seinen Anspruch auf Berlin weiter aufrecht erhalten, hätte es große Probleme in der Frage gegeben, wo man Seehofer unterbringt. Und ich denke, dass Herrmann jetzt auch nicht unbedingt Verkehrsminister werden will. Der Innenminister ist mit Abstand das prestigeträchtigste Amt.

Halten Sie Söder für geeignet als Ministerpräsidenten?
Ich sehe niemanden, der es momentan im Sinne der Partei besser machen könnte. Es muss ja jemand sein, der Bierzelt-tauglich ist. Und der – gerade im Wettbewerb mit der AfD – ordentlich holzen und Kante zeigen kann. Das kann er auch. Insofern glaube ich, dass es für die Partei jetzt gut wäre zu sagen: Wir stehen geschlossen hinter dem Mann, um die Chance zu haben, die absolute Mehrheit zu holen.

AZ-Kommentar zum Thema: CSU-Doppelspitze - Ein fauler Kompromiss

 

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