Politiker-Derblecken am Nockherberg "Mama Bavaria" Luise Kinseher im großen AZ-Interview

Sie macht den Anfang auf dem Nockherberg: "Bavaria" Luise Kinseher. Foto: ho

Zum fünften Mal wird Luise Kinseher am Mittwoch als Mama Bavaria am Nockherberg die Politiker derblecken. Was sie über Seehofer denkt, was sie an der SPD nervt und wer ihr bei der Fastenpredigt als Berater zur Seite steht, das erzählt sie hier

 

AZ: Frau Kinseher, schonen Sie den Seehofer eigentlich am Mittwoch?

Wieso? Sollte ich?

Der Ministerpräsident scheint schwer angeschlagen zu sein, wenn man ihn zuletzt gesehen hat. Dem darf man eigentlich gerade nichts Böses tun.

Naja, der hat wirklich schwer gekränkelt an Weihnachten. In Wildbad Kreuth war er danach richtig angeschlagen, da hat er mir gar nicht gefallen. Der muss aber halt auch dauernd Sachen verkaufen, die überhaupt nicht funktionieren: die Maut, das ganze Energiethema – das ist natürlich belastend für ihn, wenn es so aussieht, als hätte er seinen Laden nicht mehr im Griff.

Sie haben also Mitleid?

Er wackelt in Moment schon ein bisschen. Aber ich denke, dass er in der CSU immer noch ganz gut dasteht – schon alleine aus Mangel an Alternativkandidaten. Der Söder oder die Aigner sind derzeit ja bei Weitem noch nicht in der Lage zu putschen.

Sie hat Machiavelli gelesen und dabei was über Söder gelernt

Kommt man, wenn man politisches Kabarett macht, seinen Figuren mit der Zeit eigentlich näher?

Ich glaube schon. Vor allem, weil ich als Frau natürlich sehr empathisch arbeite und mich in die Leute reinversetze. Da muss man schon immer wieder schauen, dass man Distanz bekommt. Ich habe jetzt extra mal „Der Fürst“ von Machiavelli gelesen, weil ich mal durchdringen wollte, wie männliches Machtdenken funktioniert. Im Zusammenhang mit dem Söder ist das schon interessant. Da kommt dann klar heraus, dass man, wenn man sein Ziel erreichen will, als Zwischenschritt natürlich seine Konkurrenz ausschalten muss.

Und? Wollten Sie nur begreifen, oder haben Sie auch für sich etwas daraus gelernt?

Nein, ich wollte nur begreifen – weil ich ja auch gar keine Konkurrenz habe. (lacht)

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Wer ist Ihnen unter den Politikern denn der Liebste. Bei wem haben Sie Ihre Meinung revidieren müssen?

Man muss jeden Politiker ganz sachlich wahrnehmen: Wie sie ihre Ziele verfolgen, wie sie in der Außenwahrnehmung sind. Die Ilse Aigner zum Beispiel ist eine nette Frau, aber trotzdem oder vielleicht gerade deshalb wird ihr oft Inkompetenz und Führungsschwäche unterstellt.

Für diese Wahrnehmung sorgt im Zweifel ja auch der Seehofer selbst.

Die muss schon einiges aushalten, ja. Aber sie hat sich ja noch ganz gut aus der Affäre gezogen.

Der Stoiber, findet der bei Ihnen noch statt?

Der Stoiber, jaja, den habe ich ja schon mal als „Ötzi von der CSU“ bezeichnet. Am Mittwoch ist er allerdings nicht da, deswegen kommt er auch nicht so groß vor. Aber erwähnen werde ich ihn, weil er eben auch in der CSU immer noch Gewicht hat. Der Aschermittwoch ohne ihn wäre undenkbar.

Beim Politischen Aschermittwoch hat er ja mal wieder gehörig hingelangt.

Die müssen sich da echt mal was Neues einfallen lassen, als immer nur auf Asylbewerber und Migranten zu schimpfen. Rechts neben der CSU darf nichts existieren – dieses Ziel hartnäckig zu verfolgen, das ist mittlerweile echt gefährlich. Je mehr Parolen im Umlauf sind, umso mehr werden die Leute aufgestachelt. Man kann einfach nicht so weitermachen wie zu Strauß’ Zeiten.

Jetzt klingen Sie ganz schön verärgert. Freut man sich als Kabarettistin nicht auch, dass die CSU so zuverlässig Stoff liefert?

Das freut mich überhaupt nicht, weil das einfach kein lustiges Thema ist. Gegen Fremde zu hetzen, um eine rechte Partei neben der CSU zu verhindern, das ist einfach Wahnsinn und meines Erachtens heutzutage die falsche Strategie.

„Viele kommen nicht damit klar, dass es kein Schwarz-Weiß gibt“

Jetzt reden wir die ganze Zeit über die CSU, aber Sie müssen ja auch die anderen Parteien würdigen.

Das ist aber auch nicht schwer. Wenn man sich nur anschaut, was man in Pflegeberufen verdient – für solche Leute sollte doch eigentlich die SPD da sein. Aber das geht dann in irgendwelchen hoch komplizierten Mindestlohndiskussionen unter, die sind einfach zu wenig an den Menschen dran. Und auch die Grünen: Die haben auch kein Konzept, wie wir unser Leben irgendwie ökologischer gestalten könnten. Da kommt dann nur so was wie seinerzeit der Veggie-Day.

Das sind jetzt aber auch lauter ernste Themen. Wie macht man daraus was Lustiges?

Ach ja, das geht schon. Aber Flüchtlinge als Thema, das ist dann schon hart.

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Kommt Pegida in Ihrer Rede vor?

Nur am Rande. Aber ich finde, man muss miteinander reden. Wir müssen uns vor Augen halten, dass es viele Leute in unserer Gesellschaft gibt, die Angst vor so einem diffusen Phänomen wie „Überfremdung“ haben. Jetzt sind sie immerhin mal rausgekommen aus ihren Löchern. Vorher waren das ja immer nur Stammtisch-Parolen. Wir müssen uns unbedingt damit auseinandersetzen und klar dagegen argumentieren. Wir haben keine andere Wahl.

Das ist für eine Kabarettistin aber ein ganz schön differenzierter Ansatz.

Viele Menschen kommen nicht damit klar, dass es kein Schwarz-Weiß gibt. Die wollen, dass wie beim Aschermittwoch undifferenziert draufgehauen wird. Da sind die Bösen, da sind die Guten. Wenn wir aber weiter so denken und nicht versuchen, verschiedene Standpunkte zu verstehen, werden wir nicht vorwärts kommen.

Als Kabarettistin müssen Sie aber eigentlich schwarz-weiß denken.

Das Gute beim Nockherberg ist tatsächlich, dass ich da nicht differenzieren muss. Da werden einfach alle pauschal derbleckt! Basta!

Auch im fünften Jahr als „Mama Bavaria“?

Passiert ja immer wieder etwas, die Themenlage ist gut. Markus Söder erfreut uns immer wieder. Die Energiepolitik, Griechenland. Alle Themen der Rede sind hochaktuell.

Und Sie haben auch immer noch Lust auf Ihre Rolle?

Ich habe das Gefühl, ich komme jetzt erst richtig in Schwung.

Wie man hört, trägt die Mama Bavaria heuer auch ein neues Kleid?

Ja, eigentlich wollte der Markus Söder die Rede halten. Da habe ich gesagt: Gut, das machst! Dann hat er aber mein Kleidl gesprengt. Dann habe ich ein Neues gebraucht.

„Ich habe gerade noch eine Pointe entschärft“

Ist die Rede denn schon fix und fertig?

Mei, am Feinschliff arbeite ich bis zum Schluss. Mit dem Ende bin ich immer noch nicht ganz zufrieden. Mein Friseur hat dazu gesagt, ich soll mal richtig schreien, ich soll mal richtig aus mir rausgehen. Ja, er ist mein enger Berater!

Diese Rede begleitet Sie momentan wirklich Tag und Nacht, oder?

Rund um die Uhr erhöhter Adrenalinspiegel. Man blättert ja jeden Morgen hektisch durch die Zeitung und schaut, dass man nichts vergisst. Als Ausgleich mache ich Yoga – aber daheim, weil ich nicht will, dass jemand sagt: Schau, die Kinseher, die macht den toten Hund.

Wie scharf ist die Rede denn geworden?

Zu scharf, zu wenig scharf – ich stehe in jedem Fall dahinter. Ich tue mir mit dem Begriff „Schärfe“ ohnehin schwer. Mir ist wichtig, dass eine Pointe auf dem Punkt ist, nicht, dass ich da brachial unter die Gürtellinie haue, haarscharf an der Beleidigung vorbei. Das ist nur billig. Ich habe gerade noch eine Pointe entschärft. Mal schauen, wie ich am Mittwoch drauf bin – vielleicht kommt sie auch wieder rein.

 

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