Politik Zum Tod von Loki Schmidt: Sie war der ruhende Pol

Helmut Schmidt mit seiner Loki Foto: dpa

Loki Schmidt war mehr als eine „Kanzlergattin“. Mit ihrem Engagement, ihrer Wärme und Herzlichkeit half sie nicht nur ihrem Mann. In der Nacht auf Donnerstag starb sie. Loki Schmidt wurde 91 Jahre alt - ein Nachruf.

 

Es gibt da diese Fotos. Er schaut sie an, sie legt ihm die Hand auf den Wange. Beide lächeln. Weder Stock noch Rollator stören. Ein Bild wie für die Ewigkeit. Das Land hatte sich daran gewöhnt. Helmut und Loki Schmidt, die beiden gehörten einfach zusammen. Jetzt ist Loki Schmidt gestorben. Im Alter von 91 Jahren in Hamburg. Helmut bleibt allein zurück. Das Bild der beiden wird es nicht mehr geben.

Er, das ist der große Weise, kühl, unnahbar, bewundert, eine Ikone. Aber sie, Loki, hat ihn zum Menschen gemacht. Aus jedem Foto strahlt eine Zuneigung, die nicht gespielt wirkt und nicht aufgesetzt. Sie war niemals nur Anhängsel. Niemals wirkt das scheußliche Wort von der „Kanzler-Gattin“ deplatzierter. Loki Schmidt war eine Institution in Deutschland.

Geboren wurde sie am 3. März 1919. Der Vater war Facharbeiter, die Mutter Schneiderin. Die Eltern hatten die Ideale, die heute als sozialdemokratisches Versprechen etwas angestaubt wirken und doch hochaktuell ist: Man kann aufsteigen, wenn man etwas lernt.

Loki lernte, auf dem Hamburger Lichtwark-Gymnasium. Schon bei der Einschulung war da Helmut, der Klassenkleinste, der hatte es ihr angetan. „Wir konnten uns gut zanken“, sagte sie später. Ostern 1929 war das, da waren beide zehn. „In dem Alter haben wir auch unsere erste Zigarette geraucht“, erzählte sie ihrem Biografen. Das Laster behielten sie die nächsten achtzig Jahre.

Acht Jahrzehnte haben sie sich gekannt, 68 Jahre waren sie verheiratet, Hochzeit mit dem Unteroffizier Helmut Schmidt war mitten im Krieg, im Juni 1942. Ein erstes Kind kam im Februar 1945, kurz vor Kriegsende kam es zur privaten Katastrophe: es starb an Hirnhautentzündung. Sie haben nie viel Aufhebens davon gemacht.

„Mein Mann Helmut und ich, wir waren niemals verliebt in dem Sinne. Verliebtsein ist wie ein Feuer aus Reisig und Stroh. Dreck und Not und Kummer, wie unsere Generation sie erlebt hat, verbinden mehr", sagte sie einmal.

1947 kam Tochter Susanne, heute ein angesehene Ökonomin: „Natürlich war meine Mutter ein ruhender Pol in der Familie“, sagte sie bei einer Feier zum 90. ihres Vaters „Sie ist jemand, der gut vermitteln kann“, sagte die Tochter und: „Ich kenne niemanden, der sie nicht leiden kann.“

Loki Schmidt war es, die als Lehrerin ihrem Mann das Studium finanzierte nach dem Krieg, Loki führte den Haushalt, und zog die Tochter auf: „Sie war das alleine“, sagte Helmut Schmidt. Und sie war es auch, die als Politiker-Ehefrau ihren Beruf als Lehrerin aufgab. Auch wenn sie sagte: „Du hast ja wohl einen Vogel, dich irgendwie zu verbiegen.“, als der Mann Kanzler wurde.

Aber die Frau mit der immer gleichen Kurzhaarfrisur wollte etwas eigenes. Man lächelte damals gerne über ihre Leidenschaft für Pflanzen. Umweltbewusstsein war damals noch etwas für Randgruppen. Aber sie machte sich Gedanken um die Natur, ihr Garten am Brahmsee in Schleswig-Holstein ist ein Urwald geworden, weil sie es wollte. Sie wurde zur ausgewiesenen Botanikerin, ihre Bücher wurden Bestseller.

1976 gründete sie das Kuratorium zum Schutz gefährdeter Pflanzen. Seither ist es Loki und ihre Stiftung, die jährlich die „Pflanze des Jahres“ wählte: Noch heuer kürte sie die Moorlilie für 2011. Moorlandschaften seien gefährdet.

Loki mochte nicht nur Pflanzen: Henning Voscherau, langjähriger Bürgermeister von Hamburg, sagte es mal so: „Sie war die Krankenschwester, die seine Verletzten aufsammelte.“ Wo Helmut schroff und verletzend war, war Loki versöhnlich und behutsam: „Sie hat Wunden geheilt, die Helmut unnötigerweise geschlagen hat“, sagte Hans Apel. Ihr Mann wollte Apel zum Verteidigungsminister machen, Apel wollte nicht. Loki legte den Arm um seine Schulter und sagte: „Hänschen, du musst das machen.“

Dabei war sie immer selbstbewusst genug, ihre Rolle richtig einzuordnen: „Man sollte nicht unterschätzen, wie sehr unbezahlte Ehefrauen den Politiker atmosphärisch helfen“, sagt sie: „Wenn man nach Hause kommen kann, wenn jemand einen zärtlich umfängt, dann ist man ein anderer Mensch, als wenn man allein ist.“ Auf Helmut Schmidt wartet jetzt niemand mehr.

Matthias Maus

 

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