Politik Wulff erst im dritten Wahlgang gewählt: Von wegen Neustart

Erst im dritten Wahlgang wurde Christian Wulff zum Bundespräsidenten gewählt Foto: dpa

BERLIN - Sie waren so voller Zuversicht: Dann kam alles anders für Schwarz-Gelb: Neun Stunden musste die Regierung zittern, dann erst war Christian Wulff zum neuen Bundespräsidenten gewählt.

 

Elfmeterschießen gibt es nicht in der Politik. Aber Tricks, Spannung, Fouls und jede Menge Drama, die waren schon geboten bei der Bundesversammlung in Berlin. Eine einfache Sache, ein Heimspiel, ein Favoritensieg für Christian Wulff sollte es sein am spielfreien Tag der Fußball-WM. Und es wurde eine stundenlange Hängepartie, bei sich so mancher nach den erfreulichen zwei Mal 15 Minuten Verlängerung auf dem grünen Rasen gesehnt haben mag.

Dieses schwarz-gelbe Team, diese Regierung verstolpert seit ihrer Amtsübernahme eine Chance nach der anderen, und das änderte sich auch gestern nicht. Angela Merkel und die Ihren fuhren eine gefühlte Niederlage ein.

Dabei hatte tatsächlich kaum jemand am Morgen dieses heißen Sommertages in Berlin damit gerechnet – und zwar quer durch die Parteien. „CDU, CSU und FDP wissen doch, worum es geht“, sagte da Rudolf Dressler, alter SPD-Fahrensmann und Sozialpolitiker: „Die werden sich doch nicht selber abwählen!“ Und Margarete Bause, Bayerns Grünen-Chefin meint zwar: „Es wird spannend“, gibt aber zu: „Da ist eher der Wunsch die Mutter des Gedanken.“Im Regierungslager gab’s Optimismus ohne Ende: „Die Leute wollen doch alle weg bei dem schönen Wetter“, glaubte Markus Söder (CSU). „Und ich hoffe auf einen Neustart für diese Koalition.“ Daraus ist dann wirklich nichts geworden.

600 Stimmen für Christian Wulff im ersten, 615 im zweiten Wahlgang, das waren jedesmal weniger als die 644, die Schwarz-Gelb aufbieten könnten: „Wir haben das total unterschätzt“, heißt es auf der Fraktionsebene bei der Union nach den beiden ersten Gegentreffern in den Durchgängen eins und zwei. „Emotional“ sei es zugegangen in der Fraktionssitzung der Union vor dem dritten Wahlgang. Ausgerechnet Roland Koch, der als jüngstes Merkel-Opfer gilt, soll sich ins Zeug gelegt haben, um den Abweichlern den Ernst der Lage zu vermitteln. Tatsächlich erstaunt die offenkundige Unbekümmertheit, mit der Merkel und ihre Truppe wieder einmal eine Panne produziert hat.

Vor der ersten Abstimmung unten in der Enge des Plenarsaals – mit 1224 Personen sind doppelt so viele drin wie sonst – feierten sich die vermeintlichen Sieger von Anfang an. Kaum ein Unions- und FDP-Funktionär, der sich nicht mit Christian Wulff fotografieren lässt. Nach dem Motto: Im Wohnzimmer, an der Wand im Vereinsheim ist noch ein Plätzchen frei. Wir mit dem Sieger – so schnell ging’s dann doch nicht.

Zu Beginn der Sitzung haben Merkel und Seehofer Christian Wulff in ihre Mitte genommen, in der ersten Reihe wirkt der 51-Jährige wieder wie der Musterschüler, der für das beste Abitur seines Gymnasiums ausgezeichnet wird. Nur dass der Klassenprimus ausgerechnet bei der Examensfeier zweimal durchfiel. Was wurde nicht alles hineingelegt in diese Wahl. Dass Wulffs Niederlage der Anfang vom Ende der Regierung Merkel ist. Dass Wulffs möglichst schnelle Kür der lahmenden Koalition endlich den Schwung geben könnte, der ihr in den Monaten zuvor gefehlt hat. Dass Rot-Grün aus der Opposition heraus ein taktisches Meisterwerk abgeliefert habe, indem sie Joachim Gauck aus dem Hut gezaubert haben: ein Mann, der den Unzufriedenen im Merkel-Westerwelle-Lager der ideale Kandidat zum Dampfablassen sein würde. Dass sich die Düpierten, die Verprellten, die Zukurzgekommenen endlich mal rächen könnten. Am Ende gab es viele Verlierer und einen müden Sieger.

Revanche-Fouls, Nachtreten, und gespielte Unschuld: Es sind diese Manöver, die diese Veranstaltung und die Kandidaten beschädigt haben.„Bayern hat alles richtig gemacht“, schimpft CSU-Fraktionschef Georg Schmid: „Nur ein paar andere haben nicht verstanden, was Verantwortung ist.“ Wen er meint, sagt er nicht: „Wir waren’s nicht“, sagt Entwicklungsminister Dirk Niebel von der FDP: „Wir haben vier angemeldete Gegenstimmen, mehr werden es nicht.“ Die Unzufriedenen bleiben unerkannt.

Ganz andere Probleme hatten die eigentlichen Profiteure der Schwarz-Gelben Formschwäche. Zwar freuen sich SPD-Größen wie Kurt Beck über das „katastrophale Signal“, das die Wahl über den Zustand der Koalition verrate. Aber SPD, Grüne und vor allem die Linken haben nichts von der Pleite. „Die Linken sorgen dafür, dass ihr größter Gegner Präsident wird“, schimpft Sigmar Gabriel nach den beiden ersten Wahlgängen. Gallig ist die Kritik von Tarik al Wazir, dem hessischen Obergrünen: „Jetzt sieht man endlich, was das für ein Laden ist.“ Er zeigt über die Schulter zu den Linken. Die haben anderthalb Stunden gebraucht, um ihre Kandidatin Luc Jochimsen vor der entscheidenden Abstimmung aus dem Rennen zu nehmen. Aber selbst dann noch störrisch bleiben: „Wählbar sind für uns aber weder Gauck noch Wulff“, sagt Fraktionschef Gregor Gysi.

„Pfui!“ und „Versagen der Linken“, ruft ihm da der Altgrüne Werner Schulz zu. „Ihr könnt nicht über euren SED-Schatten springen.“ Da hat die Versammlung sogar noch einen kleinen Eklat.Vielleicht ist das auch der massenhaften Mangelernährung zuzuschreiben, zu der Tagungspräsident Norbert Lammert die Wahlmänner und -Frauen zwingt: Unter den silbernen Wärmern verschmurgeln Leberkäs und Spätzle, Kassler und Steinbutt-Filet, denn: Gefeiert wird erst nach erfolgreicher Wahl, sagt der Präsident. Erst nach dem dritten Wahlgang hat der Präsident ein Einsehen und gibt Delegierten wie der 89-jährigen Hildegard Hamm-Brücher das Recht auf eine Semmel. Und Joachim Gauck?

Der feierte auch einen persönlichen kleinen Erfolg. Er hat ja durchaus einen Schlag bei den Frauen. Das ist wunderschön zu beobachten, auf der Ehrentribüne des Reichtstags. Was immer der Kandidat da mit Bettina Wulff an Gesprächstoff hatte, es ist deutlich zu sehen, wie köstlich sich die 36-jährige Ehefrau seines Konkurrenten amüsiert. Der 70-jährige ehemalige Pastor gestikuliert und betont, er wiegt den Kopf und wippt auf und ab. Er ist eben ein Menschenfänger. Und dass sich das Fangen lohnt, hat er in den letzten Wochen gezeigt. Womöglich ist die neue First Lady jetzt auch ein Fan von ihm. Matthias Maus

 

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