Politik Mit der Banane vergewaltigt

Die Rektorin der hessischen Eliteschule veröffentlicht neue Aussagen von Opfern: „Das sprengt unsere Vorstellungskraft“ Mittlerweile ist die Zahl der Betroffenen auf 40 angestiegen.

 

Das Leid der Schüler der südhessischen Odenwaldschule ist offenbar schlimmer als bisher bekannt – und geht bis weit in die 90er hinein: So sollen nicht nur Lehrer ihre Schützlinge missbraucht haben. Auch innerhalb der Schülerschaft kam es zu brutalen Übergriffen. Zu den Misshandlungen gehörte etwa das Versengen und Verbrühen von Genitalien. Ein Opfer wurde von seinen Mitschülern gar gefesselt und mit einer Banane vergewaltigt – während ein Lehrer untätig danebenstand.

Das sagte Rektorin Margarita Kaufmann der „Frankfurter Rundschau“. Bisher gab es noch Hinweise auf den Missbrauch von 33 Schülern. Über die Osterfeiertage hätten sich aber weitere Opfer gemeldet, so dass die Zahl nun bei etwa 40 liege, so Kaufmann. Insgesamt sind „mehr als acht Lehrer“ von den Schülern belastet worden. „Das sprengt unsere Vorstellungskraft“, sagte die Rektorin.

Vier der Opfer sollen Selbstmord begangen haben

Die Opfer gaben an, nicht nur von Lehrkräften missbraucht worden zu sein. Auch zu „furchtbaren Misshandlungen von Schülern an Schülern“, sei es in der Odenwaldschule gekommen, sagte die Rektorin. Minderjährige sollen von Schulkameraden „als Sandsack missbraucht“ worden sein.

Ein ehemalige Schüler verglich die Vorfälle mit der Film-Gewaltorgie „Clockwork Orange“. Kaufmann: „Ich frage mich, wie das passiert sein kann, ohne dass Lehrer die schrecklichen Schmerzensschreie gehört haben.“

Diese brutalen Übergriffe haben offenbar nicht alle Opfer verkraftet: Vier missbrauchte Ex-Schüler begingen Selbstmord, der letzte 1999.

Die Staatsanwaltschaft Darmstadt ermittelt in zehn Fällen, in neun davon geht es um sexuellen Missbrauch von Lehrern an Schülern. Die jüngsten Berichte ehemaliger Schüler liegen der Staatsanwaltschaft noch nicht vor.

Die Missbrauchsfälle begannen 1966 und reichten bis in die 90er

Der „FR“ zufolge ging bereits 1998 ein Hinweis über die Missbrauchsfälle beim hessischen Kultusministerium ein. Der damalige Minister Hartmut Holzapfel (SPD) bestreitet das: „Sie können sicher sein, dass ich das nicht für mich behalten hätte.“

In der Kritik steht auch Antje Vollmer. Die Grünen-Politikerin und Vorsitzende des Runden Tisches Heimerziehung wurde angeblich bereits 2002 von einem Lehrer der Odenwaldschule über Missbrauchsvorwürfe gegen den Ex-Schulleiter Gerold Becker informiert. Einem Bericht zufolge hat sie den Brief von einer Mitarbeiterin beantworten lassen – und teilte darin mit, dass sie die „Angelegenheit nicht beurteilen kann“.

Der Missbrauchsskandal an der Odenwaldschule war Anfang März an die Öffentlichkeit gelangt (siehe Chronik). Die Missbrauchsfälle ereigneten sich von 1966 bis in die 90er. Besonders unter Druck geraten ist Gerold Becker, der die Odenwaldschule von 1972 bis 1985 leitete. Er hat sich bereits öffentlich für den Missbrauch von Schülern entschuldigt.

Auch am Elite-Internat Salem soll es sexuelle Übergriffe gegeben haben

Auch vom Elite-Internat Schloss Salem ist jetzt ein Fall an die Öffentlichkeit gelangt: Wie der „Spiegel“ berichtet, gab es in Salem in jüngster Vergangenheit einen sexuellen Übergriff auf einen Schüler. Kurz vor Weihnachten 2004 hatte sich ein Erzieher an einem Elfjährigen vergriffen. Erst nachdem sich der Junge vehement wehrte, habe der 24-jährige Erzieher von ihm abgelassen. Der Pädagoge wurde bereits vom Amtsgericht Stockach verurteilt – zu acht Monaten auf Bewährung.

Der frühere Leiter der Schule, Bernhard Bueb, hatte die Übergriffe als „vergleichsweise harmlos“ bezeichnet, wenn man sie im Verhältnis zu Vorfällen an der Odenwaldschule sehe. Heute sagt er, Details seien ihm nicht bekannt gewesen, weil der Junge sie erst den Ermittlern geschildert habe. Den Fortgang des Verfahrens habe er nach seinem Ausscheiden als Schulleiter 2005 nicht verfolgt.

kasa

 

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