Politik Israel will sich nicht entschuldigen

Eines der Schiffe der "Solidaritätsflotte" Foto: dpa

TEL AVIV - In der Nacht zum Montag stürmte Israel einen Schiffskonvoi. Bei der Stürmung töteten die Soldaten mindestens zehn Menschen, 50 wurden verletzt. Nach dem Kapern der Hilfsflotte steht Israel isoliert da – Erdogan spricht von „Massaker“.

 

Am Tag nach dem Blutbad am Mittelmeer steht Israel vor einem internationalen Scherbenhaufen – westliche Regierungen haben das Vorgehen gegen die Gaza-Hilfsflotte einhellig verurteilt, auf der ganzen Welt gingen Menschen auf die Straße: Israel findet sich in der Defensive wieder.

Scharfe Kritik hagelt es aus der Türkei, die eigentlich freundliche Beziehungen mit Israel hat – allerdings waren die Toten von Montagnacht hauptsächlich Türken, erschossen auf einem türkischen Schiff. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan sagte, die Türkei werde „das Massaker nicht auf sich beruhen lassen. Von heute an ist nichts mehr so, wie es war“.

Protest kommt von allen Seiten: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) forderte ein Ende der Abriegelung von Gaza. Der ehemalige israelische Botschafter in Deutschland, Avi Primor, sprach von einer „Katastrophe für Israel“. Der UN-Sicherheitsrat verlangt rasche Aufklärung.

Dabei ist aus Israels Sicht alles klar: Laut Darstellung der Armee ist auf fünf der sechs Schiffe, die nach Gaza unterwegs waren, alles friedlich abgelaufen. Nur auf einem türkischen Schiff seien die Aktivisten mit Knüppeln, Messern und Schlagstöcken aus Metall auf die Soldaten losgegangen. Ein Soldat sei metertief auf ein niedrigeres Deck gestoßen worden.

Entsprechend will die israelische Regierung von einer Entschuldigung nichts wissen. Vizeaußenminister Danny Ayalon: „Welche Friedensaktivisten haben Messer und Schlagstöcke dabei?“

In der israelischen Presse ist von Mitleid mit den Toten und Verletzten wenig zu spüren. „Die Falle“, titelte die auflagenstärkste Zeitung „Jediot Achronot“ – Israel habe durch sein Vorgehen den PR-Krieg gegen die Hamas verloren.

International kritisiert wird auch die Inhaftierung von 600 der 700 pro-palästinensischen Aktivisten. Sie wurden in einem Gefängnis in der Negev-Wüste in Gewahrsam genommen. Unter ihnen ist auch der schwedische Krimi-Autor Henning Mankell. Wie die anderen Inhaftierten muss sich Mankell jetzt binnen 72 Stunden entscheiden, ob er angeklagt oder ausgewiesen werden will. Mankell hat bereits eine Lesereise in Deutschland abgesagt.

Die beiden Bundestagsabgeordneten Inge Höger und Annette Groth (beide Linkspartei), die ebenfalls auf den Schiffen waren, sind gestern wieder in Berlin gelandet. Sie machen den israelischen Soldaten schwere Vorwürfe: „Wir haben uns wie im Krieg gefühlt“, sagte Höger. Groth sprach von einem „barbarischen Akt“. Von den Aktivisten sei keine Gewalt ausgegangen.

Laut Auswärtigem Amt ist das Schicksal von sechs Deutschen noch unklar – vermutlich gehören sie aber zu den Inhaftierten. rg

 

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