Politik In Wildbad Kreuth: Käßmann säuselt die CSU an

Noch immer Magnet aller Kameras und Mikrofone: Ex-Bischöfin Margot Käßmann in der Kreuther Kälte. Foto: dpa

Die Ex-Bischöfin Margot Käßmann beklagt sich über die Medien und stärkt der Partei ausgerechnet beim Thema Türkei den Rücken.

 

Eigentlich herrscht im idyllischen Hochtal hinter dem Tegernsee ein besonderes Reizklima, das für den berühmten rebellischen Geist von Kreuth sorgt. Bei Ex-Bischöfin Margot Käßmann (53), die bisher bei kaum einer politischen Frage mit der CSU übereinstimmte, aber zeigt es die gegenteilige Wirkung: Nach einem Gläschen Silvaner zur Perlhuhnbrust mit Nudeln und Feldsalat säuselt die streitbare Theologin die Christsozialen am Abend an – und weint sich bei ihnen im Kaminzimmer über ihre Trunkenheitsfahrt aus.

Dabei war sie bei ihrer Ankunft im eisigen Kreuth noch streitlustig. „Sollen die doch zum Schafkopfen gehen“, zischt sie ihren Kritikern in der CSU zu, die angedroht hatten, die Einladung zu boykottieren, und warnte: „Ich kann auch Schafkopfen.“

Bei der Türkei-Frage stärkt sie den Christsozialen den Rücken

Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich macht sich ganz andere Sorgen. Mit einem zweifelnden Blick prüft er den eleganten lachsfarbenen Wintermantel, den Käßmann offen trägt: „Ist der nicht ein bisschen dünn?“ „Nein.“ Käßmann lässt keinen Verdacht aufkommen, dass sie bei minus zehn Grad vor der CSU-Klausur zittern könnte. Auf ihre Schuhe hat Friedrich da noch gar nicht geschaut: In feinen, geschnürten Pumps stöckelt die Ex-Bischöfin durch den Schnee und verkündet keck, dass sie ihre Meinung zu Afghanistan natürlich nicht geändert habe.

Später, im Kaminzimmer, schlägt sie ganz sanfte Töne an. Klagt, wie die Medien damals mit ihr umgegangen seien. Welche Falschmeldungen man über sie verbreitet habe, was in dieser Nacht alles passiert sei. „Ich habe nur gedacht: Oh mein Gott ...“ Sie sucht den Schulterschluss und die Solidarität mit Horst Seehofer und den CSU-Abgeordneten. Den Politikern gehe es ja kaum besser. Da sei man ja gewohnt, mit so etwas umzugehen, flötet Käßmann.

Von Schafkopfen ist in der Landesgruppe nicht mehr die Rede. Die Plätze im Kaminzimmer reichen nicht aus. Noch nie war der Andrang bei einem Klausur-Gast so groß. Einige müssen sogar stehen, um Käßmann zu hören. Die sagt, was die CSU hören will.

Karl-Theodor zu Guttenberg tuschelt mit Horst Seehofer

Bei der Türkei-Frage stärkt sie den Christsozialen den Rücken: Nie habe sie verstanden, warum man die Türkei, ein Land, in dem keine Glaubensfreiheit herrsche, in die EU aufnehmen wolle. „Dann noch eher Israel“, meint sie. „Das liegt auch am Mittelmeer.“ Die CSUler applaudieren.

Auch beim Thema Integration ist sie auf ihrer Seite: Natürlich müssten alle Deutsch lernen und die Scharia dürfe nie eine Geltung haben. Von den deutschen Eltern fordert sie, mit ihren Kindern von klein an jeden Tag fünf Minuten zu beten, damit sie lernen, dass es einen Gott gibt. Später könnten sie sich dann ja selber entscheiden.

Nach einer Stunde wird es unruhig in der ersten Reihe. Karl-Theodor zu Guttenberg tuschelt mit Horst Seehofer. Der Verteidigungsminister hat in Kreuth seine Boots an, die er sonst bei seinen Einsätzen am Hindukusch trägt. Stiefel, die Männer – laut Werbung – zu „Helden“ machen.

„Es geht nicht um Heldenverehrung, sondern um das, was wir gemacht haben“, hat Seehofer am Nachmittag die Landesgruppe gewarnt. Er will seine Macht gegen den viel beliebteren Guttenberg verteidigen – notfalls sogar mit einer Kampfkandidatur um den CSU-Vorsitz auf dem Parteitag im Herbst. Ob er Ende 2011 noch CSU-Chef sein wird? „Ja! Ja! Ja!“, ruft Seehofer in die Kameras. In ganz normalen Anzugschuhen ist er nach Kreuth gekommen.

Guttenberg aber ist viel zu schlau, um auf Seehofers Taktik hereinzufallen. Während Käßmann weiterredet, steht er auf, geht hinaus, kommt mit zwei Pils wieder zurück. Reicht eines Seehofer. Stößt mit ihm demonstrativ an, so dass es auch der hinterste CSUler sehen kann, und demonstriert so, wer der Koch und wer der Kellner ist. Aus seiner Deckung geht der Verteidigungsminister nicht heraus.

Käßmann trinkt längst Wasser und lobt Guttenberg. Er habe ja wenigstens gesagt, dass es sich in Afghanistan um einen Krieg handele und nicht um eine „Brunnenbohrinitiative“. Ihre damalige Predigt von Berlin, in der sie den Afghanistan-Einsatz so spektakulär kritisiert hatte, spielt sie herunter: Sie sei über die Wirkung überrascht gewesen und habe das unterschätzt. Guttenberg lädt Käßmann noch einmal ein, mit ihm nach Afghanistan zu reisen. „Zeitungslektüre ersetzt nicht Erleben“, reibt er ihr unter die Nase. Zugesagt hat Käßmann noch nicht.

Die geht noch mit ins Bierstüberl, bleibt bis nach Mitternacht und trinkt weiter Wasser. Dabei muss sie nicht Autofahren. Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich hat ihr seinen Wagen samt Chauffeur zur Verfügung gestellt.

Angela Böhm

 

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