Politik Ilse Aigner: Eine Frau beißt sich durch

Ein Stäbchen mit Fisch: Die Ministerin probiert auch das. Foto: dpa

BERLIN - Ilse Aigner hat ihren Eröffnungsrundgang auf der Grünen Woche absolviert. Der Rundgang auf der Agrar-Messe in Berlin ist Schlemmertour und Spießrutenlauf.

 

Wie's halt so ist. Man kriegt was geschenkt, und was man wirklich braucht, das gibt's nicht. Man kennt das vom Alltag, Ilse Aigner erlebt es bei der Eröffnung der Grünen Woche.

Um 8.05 Uhr an diesem Morgen bekommt sie das erste Glas Sekt angeboten, und die Verbraucherministerin weiß, dass sie hier, umzingelt von Kameras, Ministern und Funktionären, nicht ablehnen kann. Am slowenischen Stand nicht, den kroatischen Slibowitz auch nicht. Und selbst die Maß Bier, die ihr Bayerns Landwirtschaftsminister Helmut Brunner in die Hand drückt, die muss sie wenigstens an die Lippen führen.

„Man darf keinesfalls trinken“, sagt Klaus Wowereit, der Regierende Bürgermeister ist die Nr. 2 in der Promi-Prozession, die sich durch die Messehallen im Berliner Westen schiebt. Das weiß Ilse Aigner natürlich auch, sonst stünde sie die Vier-Stunden-Tour nicht durch. Sie steht auch so genug unter Druck, die 46-jährige Fernseh- und Radio-Technikerin, die 2008 Horst Seehofer im Amt des Bundesverbraucherministers beerbte. Zwei Jahre ging das relativ gut. Die groß gewachsene CSU-Frau verkaufte sich wacker mit ihrem Lächeln und ihrer burschikos-freundlichen Art. Dann kam der Dioxin-Skandal, und es stellt sich heraus, dass der Job einen Schleudersitz hat. Seither hat es ihr die Laune und Lockerheit verhagelt.

Das ist auch an diesem Tag zu spüren, an dem alle freundlich zu ihr sind. Sie lächelt, wenn die Fleischer-Innung einen Salami-Bären überreicht - und sie dazu Pfefferminzlikör scheintrinken muss.Aber die Kritik – „Unengagiert“, „Ankündigungsministerin" – geht der Ministerin aus Feldkirchen-Westerham nahe. Man merkt es, wenn sie „von einer Woche der Schwierigkeiten“ redet; dass „jetzt hart durchgegriffen“ werde – oder wenn sie beschwört, dass Skandale „nicht die Realität der Branche“ sind. Ihr rollendes „R“ klingt dann nicht mehr charmant, sondern wie eine ratternde Maschine, die Zweifel schreddern soll.

Es ist ihre dritte Grüne Woche, und die erste ohne Dirndl

„Das grüne Trommelfeuer“ sei nicht das Problem, sagt ein Vertrauter. Wichtiger und schwieriger sei die Arbeit, endlich eine bessere Lebensmittelkontrolle hinzubekommen. Dass die Bundesministerin dabei nicht gewinnen kann, hat sich mit dem neuen Skandal nicht geändert. Noch immer bleibt die letzte Verantwortung bei den Ländern. Doch dass sie ihre Nichtzuständigkeit, ihre Machtlosigkeit zu lange betonte, hat Aigner nachhaltig geschadet.

Es ist ihre dritte Grüne Woche, und die erste ohne Dirndl. Vermutlich soll das staatstragende Dunkelblau ihres Kostüms signalisieren, dass die Zeit für Folklore vorbei ist. Bauernpräsident Gerd Sonnleitner bemüht sich noch redlich, auf „alles ist wieder gut“ zu machen: „Ich freue mich, wenn ich Menschen hier essen und trinken sehe, und wenn sie nach dem ersten Bissen strahlen.“

Am Biotrend kommt kaum einer vorbei, Ilse Aigner schafft es trotzdem

Doch das Vertrauen der Verbraucher ist erschüttert. „Das kommt doch alles zu spät", sagt der Betriebswirt Reinhard Fink zu Aigners Bemühungen. „Wir ernähren uns jetzt noch mehr regional“, sagt er. Nein, „natürlich nicht“ wolle er auf Schwein oder Ei verzichten. August und Marianne Rottmann aus Seppenrade sind „schon lange“ umgestiegen. „Ich nutze nur noch Bio-Sachen“, sagt die 60-Jährige. In feinem Tuch sieht sie aus, als käme sie frisch vom Dallmayr und nicht aus dem Münsterland.

Am Biotrend kommt kaum einer vorbei, Ilse Aigner schafft es trotzdem. Sie lässt sich Blaubeersaft aus Schweden schmecken, schaut in Südtirol vorbei und am Stand der Schweiz, lässt sich an Marokkos Stand Arganöl für die Haut empfehlen – „gegen Falten, das ist gut“ – und erfährt von der siebenjährigen Leonie, dass die Kleine schon Tomatensuppe kochen kann. Schöne Bilder das alles, aber an der großen Bio-Halle führt der Parcours der Ministerin dann doch nicht vorbei.

Aigner ist lieber bei Kraft-Food und braucht jetzt eher „einen Espresso“. Wowi will auch einen, und die arme Frau hinter der Kaffee-Theke erlebt eine ihrer schlimmeren Stunden. „Wir haben nur ganz normalen Kaffee“, flüstert sie.

Aigner lächelt so dünn, wie der Kaffee ist. Ob's um Espresso geht oder um Anerkennung: Wenn man mal was braucht, bekommt man's nicht.

Mattias Maus

 

0 Kommentare