Politik Bundeswehrskandal: Rohe Schweinsleber für Rekruten

Die Edelweisskaserne im oberbayerischen Mittenwald Foto: dpa

MITTENWALD/BERLIN - Perverse Rituale in Mittenwald lösen einen neuen Bundeswehrskandal aus: Gebirgsjäger mussten sich nackt ausziehen und bis zum Erbrechen Alkohol trinken, um in der Hierarchie aufzusteigen.

 

Schon wieder schockiert ein Skandal die Bundeswehr: Bei den Gebirgsjägern im oberbayerischen Mittenwald sind junge Soldaten mit entwürdigenden Mutproben und Aufnahmeritualen schikaniert worden. Sie mussten bis zum Erbrechen Alkohol trinken und rohe Schweinsleber essen, um in der internen Hierarchie aufsteigen zu können, berichtete ein ehemaliger Rekrut in einer Beschwerde an den Wehrbeauftragten des Bundestages, Reinhold Robbe. Laut „SZ“ und „ZDF“ sind Soldaten in Mittenwald auch gezwungen worden, sich vor Kletterübungen vor den versammelten Kameraden zu entkleiden.

Ein Sprecher der für die Gebirgsjäger zuständigen Einheit bestätigte gestern Abend die Vorfälle: „Die Rituale haben sich zwischen Mannschaftsdienstgraden vollzogen.“ Ältere Soldaten des Hochgebirgsjägerzuges hätten von jüngeren bestimmte Aufnahmerituale verlangt, „um als echte Gebirgsjäger zu gelten“. Vorgesetzte seien aber nicht beteiligt gewesen.

„Es wurden etliche Beschuldigte genannt in dieser Sache“, sagte der Sprecher. Einige davon gehörten der Bundeswehr inzwischen nicht mehr an. Nach den bisherigen Ermittlungen des Bataillons sei es zu den Ritualen außerhalb der Dienstzeit und außerhalb der Kaserne gekommen. Die Anfang Februar begonnenen Ermittlungen seien aber noch nicht abgeschlossen.

Ein anderer Bundeswehrsprecher räumte ein, dass sich in der Truppe solche „Rituale seit Ende der 1980er Jahre eingebürgert“ hätten. In den vergangenen Jahren hätten sie sich in ihrer Ausprägung und Intensität noch gesteigert. Die Bundeswehr nehme die Sache „sehr ernst“.

Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) äußerte sich am Abend in der ihm eigenen zackigen Art zu dem Skandal: „Aufklären, abstellen und Konsequenzen ziehen!“ Der fränkische Baron hat selbst in Mittenwald seinen Wehrdienst geleistet.

Wehrbeauftragter Robbe hält die Angelegenheit für einen Fall von größerer Dimension. „Wenn diese Rituale mit Körperverletzung im Zusammenhang stehen, und wenn Rekruten, die ja unter dem besonderen Schutz des Dienstherren stehen, misshandelt werden, dann gilt hier null Toleranz“, sagte er: „Dann muss alles aufgedeckt werden.“

Der Bundeswehrstandort in Mittenwald war bereits 2006 in die Schlagzeilen geraten, nachdem Fotos aus Afghanistan aufgetaucht waren, auf denen Bundeswehrsoldaten mit einem Totenschädel posierten. Die Aufnahmen sollen auf einer Patrouillenfahrt 2003 entstanden sein.jox

 

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