Poker und blanke Nerven Die Zypern-Krise: Zocken am Rand des Abgrunds

Zypern arbeitet am Plan B – doch Moskau lässt das Land zappeln. Die EU schickt Signale, dass sie auch ohne den Inselstaat auskäme. Eine Krise mit vielen Premieren

 

NIKOSIA Ausgerechnet Zypern. Mit seinen 800000 Einwohnern hat es gerade mal gut halb so viele Bürger wie München. Und doch steht es plötzlich im Zentrum der Krise. Weil es ein Präzedenzfall werden kann, so oder so: das erste Euro-Land, das pleitegeht. Der erste Staat, der die EU wieder verlässt. Das erste Mal, dass kleine Sparer enteignet werden. Die Nerven liegen blank, die Zeit rennt – und auf allen Seiten kommt Erpressung ins Spiel: Die EU setzt darauf, dass Zypern schon noch mitspielt, weil es sonst pleitegeht. Zypern setzt darauf, dass die EU schon noch nachgibt, weil sonst der Euro in Gefahr ist – oder dass man sich notfalls in Moskaus Arme wirft. Doch der Schuss könnte für alle nach hinten losgehen.

Gestern feilte Zypern vor allem am Plan B: Hilfe aus Russland. Finanzminister Michalis Sarris verhandelte gestern den ganzen Tag in Moskau. „Es waren sehr ehrliche, konstruktive Gespräche“, sagte er. Aber auch: „Es gab keine Angebote, nichts Konkretes.“ Russland hat sich das Betteln aus Nikosia bisher halbwegs ungerührt angehört. Präsident Wladimir Putin pokert – er will den Preis hochtreiben, falls er überhaupt eingreift. Zypern braucht 16 Milliarden Euro, sonst ist es pleite, und es hat Moskau nicht sonderlich viel zu bieten – Schwarzgeld-Hafen ist es ohnehin schon.

Unter der Hand kursieren mögliche russische Forderungen: Zugriff für Gazprom auf die Gasfelder vor der Küste, Vorrang für russische Firmen bei der Privatisierung von zyprischen Staatsfirmen, einen eigenen Mittelmeerhafen (da der bisher einzige in Syrien wohl bald wegfällt). Putin hat bisher nur signalisiert, Zyperns Präsident Nikos Anastasiadis könne sich ja mal persönlich nach Moskau bequemen. Doch Anastasiadis müsste dann auch entscheiden, ob man russischer Vasall sein will – ein EU-Austritt wäre wohl die Folge.

Brüderle: Ein Austritt wäre nicht wünschenswert, aber beherrschbar

Andererseits läuft Zypern die Zeit davon. Die EU signalisierte gestern, man sei weiter verhandlungsbereit. Aber jetzt sei es an Zypern, ein neues Kompromisspaket vorzulegen, sagte ein Sprecher der Kommission, nachdem das ursprüngliche EU-Modell im Parlament in Nikosia nicht eine einzige Ja-Stimme bekommen hatte. Es sieht vor, dass die EU einen Notkredit von zehn Milliarden Euro gibt, wenn Zypern selbst 5,8 Milliarden über eine Zwangsabgabe auf Bankguthaben drauflegt.

„Ich bedaure dieses Votum“, sagte Merkel. Ex-Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FPD) erklärte, ein Austritt Zyperns sei nicht wünschenswert, aber beherrschbar. Für den Ernstfall sei man gerüstet, heißt es bei der schwarz-gelben Koalition: Nach den Krisen in Griechenland seien Vorkehrungen getroffen worden, und Zypern sei viel kleiner. Und anders als bei Griechenland ist der politische Wille, den Staat über Wasser zu halten, kleiner: Finanzminister Schäuble wie auch SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück sagen fast einhellig und leicht achselzuckend, dass das Geschäftsmodell Zyperns – ausländische Anleger mit laxen Kontrollen und üppigen Renditen zu locken – eben gescheitert sei.

Die Kirche in Zypern bietet ihr Vermögen an

Und jetzt? In Zypern herrscht Ausnahmezustand. Die Schließung der Banken wurde bis mindestens Dienstag verlängert. Innenminister Sokratis Hasikos sagte, dass zwei Großbanken vermutlich gar nicht mehr öffnen können – weil sie ohne den abgelehnten EU-Kredit pleite sind. Die Kirche des Landes bot der Regierung ihre Hilfe an: „Wir werden für die Rettung des Landes alles zur Verfügung stellen“, sagte Erzbischof Chrysotomos nach einem Gespräch mit Präsident Anastasiadis. Das gesamte Vermögen der orthodoxen Kirche Zyperns, ihre Klöster und Immobilien, könne man zur Verfügung stellen.

Die Stimmung im Land schwankt zwischen Panik, Wut und Trotz. „Wie können sie uns das antun?“, fragt Katerina Stergiou (58). „Sie wollen mir wegnehmen, was ich mir fürs Alter gespart hab.“ Wer dafür verantwortlich, dass auch Kleinsparer zahlen müssen, dazu gibt es unterschiedliche Versionen. Aus den vielen Fassungen schält sich heraus, dass in der Tat Deutschland die hohe Zwangsabgabe für Sparer durchgesetzt hat - aber es war die zyprische Regierung, die aus Angst vor Moskau auch die Kleinsparer beteiligen wollte, um die Groß-Anleger zu schonen. „Wir sind klein, aber stark“, skandierte eine andere Demonstrantin.

Und so zocken alle Seiten. Zypern wird so lange wie möglich versuchen, von Russland die Milliarden zu bekommen – und Moskau wird so lang wie möglich zögern. Zypern rennt die Zeit davon: schon die Banken können nicht ewig geschlossen bleiben. Und die EU sagt den Zyprern: Wir können schon reden – aber erst, wenn ihr einen neuen Vorschlag bringt.

 

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