Wolfram Eilenberger hat mit „Zeit der Zauberer“ eine philosophisches Epochenporträt verfasst. Martin Heidegger, Ernst Cassierer, Walter Benjamin und Ludwig Wittgenstein spielen die Hauptrollen

Gar nicht so selten imitiert das Leben die Kunst. Das gilt auch für das philosophische Leben. Als sich im Frühjahr 1929 zwei bedeutende Denker im hochgelegenen schweizerischen Luftkurort Davos trafen, war dieser bereits zu einem Ort der Weltliteratur geworden: als Schauplatz von Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“.

Die Debatte, die Ernst Cassirer und Martin Heidegger in Davos führten, erscheint im Rückblick fast wie eine Fortsetzung der hohen literarischen Dialoge, die im Roman geschildert werden. Auch Wolfram Eilenberger lässt sein umfangreiches Epochen-Porträt „Zeit der Zauberer“, in welchem er in einer originellen zeitlichen Beschränkung nur zehn Jahre aus der modernen Philosophiegeschichte beleuchtet, mit der Davoser Hochschulwoche beginnen. Und er endet in einer schönen Rahmung auch mit den gelehrten Disputationen, die er geradezu theatralisch dicht beschreibt.

Ein Schwenk nach Berlin

Die Protagonisten taugen für eine farbenfrohe Erzählung. Auf der einen Seite der arrivierte Kulturphilosoph Cassirer, Autor der kolossalen „Philosophie der symbolischen Formen“, weltgewandt und liberal; auf der anderen der noch nicht vierzigjährige Heidegger, der erst zwei Jahre vorher durch sein existenzialistisches Hauptwerk „Sein und Zeit“ berühmt geworden war, und der sich durch Kleidung und knorrig-originales Auftreten von allem großstädtisch Modernen betont abhebt.

Von diesem Gipfelgespräch schwenkt Eilenberger dann ein wenig unvermittelt nach Berlin, wo sich der noch praktisch unbekannte Walter Benjamin gerade aufhält. Er wird seine bis heute vielgelesenen Arbeiten zur Medientheorie erst später, außerhalb des von Eilenberger gewählten Zeitfensters verfassen. Und dann gibt es ja da auch noch Ludwig Wittgenstein, den Autor des bahnbrechenden „Tractatus logico-philosophicus“, der Teile des betreffenden Jahrzehnts als Volkschullehrer in der österreichischen Provinz verbringt.

Originellerweise erzählt „Zeit der Zauberer“ in Anekdoten und biographischen Berichten also nur von einem kurzen Abschnitt, eben dem „großen Jahrzehnt der Philosophie 1919 – 1929“, wie es im Untertitel heißt. In leicht fasslicher Sprache entwirft Eilenberger ein geschichtliches Tableau, wie es innerhalb der enger umgrenzten Perspektiven der akademischen Forschung nicht möglich ist.

Die Weite des Panoramas ist der Vorzug des Buches. Nur in Einzelfällen wird die Vogelperspektive problematisch. Eilenberger deckt Beziehungen zwischen den Hauptvertretern des modernen Denkens kurz vor Weltwirtschaftskrise und Kriegsbeginn auf, welche in Einzelstudien oft übersehen werden. Der Schweizer schreibt dabei nicht als akademischer Philosoph, sodass sich kein Leser ausgeschlossen fühlen muss, doch er verfügt über eine solide Ausbildung: Er kann gut erklären, aber er hat auch ein umfangreiches Wissen, das er vermitteln will.

Kant fehlt

Banal wäre, aufzulisten, wer und was alles nicht vorkommt. Bisweilen hätte Eilenberger etwas weniger biografische Fakten, Kolportage zumal etwa über Heideggers Liebesleben, und etwas mehr Informationen über die Werke geben können. Dazu drei Beispiele: Dass etwa die Rolle von Immanuel Kant generell zu wenig beachtet wird, ist misslich. Denn sein Geist schwebt über dem ganzen Geschehen: Nicht nur hatten sich alle der philosophischen Hauptdarsteller des Buches lebenslang auf diesen bezogen, auch nahm das Davoser Gespräch seinen Ausgang von dessen Freiheits-Begriff, und zu Heideggers Strategie gehörte, sich auf Kant zu konzentrieren, um von seiner eigenen, kontroversen Person abzulenken.

Weiterhin wäre es etwa, wenn man schon den gestrengen Sprachlogiker Rudolf Carnap auftreten lässt, wichtig gewesen, auf dessen Kritik an Heidegger einzugehen, weil diese jenseits von menschlichen, allzumenschlichen Eifersüchteleien auf das Herz der Existenzphilosophie selbst zielte. Und schließlich wären sicherlich manche Leser dankbar gewesen für geduldigere Erklärungen und stärker vertiefende Hinführungen, immer, wenn aus Wittgensteins schwierigem „Tractatus“ zitiert wird. Doch man kann diese Anmerkungen eher als Anregungen zu verstehen, nach der Lektüre des Buches selbst weiterzuforschen. Als Leitfaden ist Eilenbergers gut lesbarer Epochenroman sehr zu empfehlen.

Wolfram Eilenberger: „Zeit der Zauberer. Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919 – 1929“ (Klett-Cotta, 432 S., 25 Euro)