Philippe Quesnes „Caspar Western Friedrich“ in den Kammerspielen Wenn Rücken nicht entzücken

Sieht hier lustiger aus als es ist: Wenn der Regisseur nicht weiterweiß, nimmt er gerne Trockeneis: Szene aus dem Caspar-David-Friedrich-Western der Kammerspiele mit Peter Brombacher, Julia Riedler, Franz Rogowski und Johan Leysen. Foto: Martin Argyroglo / Kammerspiele

Münchner Kammerspiele: Philippe Quesnes niedrigtouriger Museumsabend „Caspar Western Friedrich“

 

Das hat schon seinen Reiz, auf einen Rücken zu schauen, auf jemanden, der den Zuschauer spiegelt und dessen Blick gleichsam verlängert, hinein in die Tiefe einer Landschaft, wie man es von den Gemälden von Caspar David Friedrich kennt. Dessen Rückenfiguren stehen vor der sublimen Natur, aber sind letztlich nicht allein, weil es ja eben noch irgendwo, irgendwann den Betrachter des Werks gibt. „Je mehr Einsame, desto feierlicher, ergreifender und mächtiger ist ihre Gemeinsamkeit“, hat Rilke einmal geschrieben, was wie ein Kommentar zu den romantischen Bildern Friedrichs wirkt.

Ein Künstler und Bühnenbildner als Regisseur

Solche Denkanstöße laufen zwischendurch als Textband über der Bühne der Kammerspiele, wo sich fünf Darsteller/Cowboys zusammen getan haben, um ein „Caspar Western Friedrich Museum“ einzurichten: Jeder hat seine Aufgabe, doch sie unterstützen sich, stellen riesige Leitern auf, reichen Malerrollen hoch, streichen, arbeiten vor sich hin, und das Publikum schaut zu.

Die Körper der Performer sind dabei so unterspannt, die Sätze, die sie sich ab und zu zuwerfen, so alltäglich leise, als ob sie wirklich in einer Museums/Atelier-Realität herumbasteln. Die Grenze zwischen Theater und Installation und dem Handwerk, das einer Installation vorausgeht, verwischt deutlich in Philippe Quesnes nun uraufgeführtem Projekt „Caspar Western Friedrich“.

Der französische Regisseur kommt von der Bildenden Kunst und hat als Bühnenbildner gearbeitet, interessiert sich nicht für Konflikte und klassische Texte, sondern eher für den Körper im Raum: eine Beziehung, die er immer wieder gerne in Laboratmosphäre untersucht, dabei die (Theater)räume soweit öffnet wie es nur möglich ist und das breite Panorama für innere Seelenlandschaften sucht.

Die Natur allein kann die Idee nicht zusammenhalten

Womit es eine Parallele zum Western und zu Caspar David Friedrich gibt, nur dass Quesne im Theater arbeitet, also dort, wo alles, auch die Natur - hier präsent in Form von Felsbrocken aus Styropor, einem falschen Lagerfeuer oder den von den Bühnenmalern der Kammerspielen detailtreu nachgemalten Friedrich-Gemälden - in bühnenbedingter Künstlichkeit aufgeht.

Durchaus kann sich der naturferne Smartphone-Mensch der Atmosphäre eines Friedrich-Gemäldes annähern: Nebelmaschinen und Sprinkler kommen zum Einsatz, einmal mit geballter Macht, während Stefan Merki pompös dazu trommelt und Franz Rogowski die Feuchtigkeit am Boden für Rutschpartien nutzt, kindlich und verspielt, so wie das Quintett immer wieder humorvolle Intermezzi einstreut: hier Balance-Akte mit den langstieligen Malerrollen, dort ein Gang ins Bühnen-Off zum behaupteten Museums-Café plus Buchshop. So ziehen sie kurz den Kunstbetrieb durch den Kakao, aber eben kurz, weil je nach Einfall etwas angetippt und nichts einer stringenten Dramaturgie untergeordnet wird.

Sowas kann seinen Charme haben, und hin und wieder lässt man sich, nach etwas Regung hungernd, mitnehmen, vor allem von Peter Brombacher, dem Ältesten der Truppe. Gegen Ende stellt er sich vor eine große Leinwand, man sieht das gemalte Nebelmeer und Brombacher wird zum „Wanderer über dem Nebelmeer“. Aber er löst schnell die Rückenfigur auf, ganz der Schauspieler, ganz da fürs Publikum, und erzählt von dem, was er mit der dargestellten Landschaft verbindet, schöpft aus dem Schatz seiner Erinnerungen.

Romantische Gedichte und Cowboysongs

Den niedrigtourigen Lauf des Abends unterbricht das aber nicht. Philippe Quesne hält das Vortragen romantischer Gedichte und Singen von (Cowboy-)Songs offenbar für ausreichend und entwickelt so gar nicht die Bilderkraft, die man angesichts der Vorbereitungen, dem ganzen Gewerkel erwarten darf. Einen Gegenwert gibt es nicht, man schaut vielmehr einer Träumerei zu, die sich selbst genug ist. Johan Leysen, der sowieso kaum in Erscheinung tritt, verschwindet als Cowboy im Kunstnebel, und man fühlt sich einsam, weil hier das Theater einem den Rücken zukehrt.

Kammerspiele,  5. und 27.2., 20 Uhr, 7.2. um 18 Uhr, Tel.  233 966 00

 

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