Phantomtor-Skandal Markus Merk: "Diese Bilder spielen sich immer wieder ab"

Ex-Schiedsrichter Markus Merk. Foto: dpa

Das Phantomtor bei Hoffenheim gegen Leverkusen und seine Folgen: Heute pfeift Schiedsrichter Brych in der Champions League. Ex-Schiri Merk erklärt, was in ihm vorgeht – und was er ihm jetzt rät

 

AZ: Am Dienstag pfeift Felix Brych das Spiel in der Champions League zwischen dem AC Mailand und dem FC Barcelona. Würden Sie jetzt gerne in seiner Haut stecken?


MARKUS MERK: Ein besseres Spiel kann er nach dem Phantomtor nicht bekommen, es ist mehr Chance als Risiko – und die einmalige Möglichkeit, sich wieder schnell positiv ins Spiel zu bringen und das Grübeln einzustellen.


Auf den Münchner Schiedsrichter prasselt viel ein in diesen Tagen. Haben Sie Mitleid?


Ich fühle mit Felix Brych, weiß wie sich diese Bilder immer wieder vor deinen Augen abspielen und du ständig damit konfrontiert wirst. Bitter! Aber: Schiedsrichter sind heutzutage gut dotierte Leistungssportler und es ist ein Privileg an der Spitze zu pfeifen, Mitleid wäre zu viel des Guten und bestimmt auch nicht im Sinne des Schiedsrichters.


Heftig diskutiert wird die Schuldfrage. Wie schätzen Sie es ein: Der Platzwart? Leverkusens Kießling? Der Schiedsrichter? Sein Assistent? Oder haben alle versagt?


Eine Fehlerkette ist nicht wegzudiskutieren, die Situation ist aber derart unglücklich und einmalig, dass sich für mich keine Schuldfrage stellt. Es ist dennoch legitim darüber nachzudenken, was jeder zur Vermeidung dieser Situation hätte tun können. Sie wirft im internationalen Fokus kein gutes Bild auf die Liga und dies hätte mit etwas professionellerem Verhalten verhindert werden können, ja müssen.


Sie waren jahrelang Deutschlands bester Schiedsrichter, können es beurteilen: Wie belastend ist es, zu wissen, dass man von einer Sekunde auf die andere durch einen Fehler plötzlich ein Spiel entscheiden kann?


Jeder wird dies anders empfinden. Ich persönlich habe mich über meine Fehler immer am meisten geärgert, es waren nie der Spieler, der Trainer, der Fan. Schlimm ist es, ein klares Tor nicht zu geben. Ein Nichttor zu geben, ist sicher ein kleines Trauma.


Was raten Sie Brych jetzt: Wie würden Sie mit so einer Situation umgehen?


Felix ist nicht nur ein guter, sondern auch cooler Vertreter der Schiedsrichterzunft. Versuchen gegen alle Schwierigkeiten den Alltag zu leben, neue Aufgaben positiv anzunehmen, auf die Schnelllebigkeit der Zeit setzen. Gerade deshalb kommt Milan gegen Barcelona für ihn und sein Team zum idealen Zeitpunkt.


Sollte der DFB in den nächsten Wochen auf Ansetzungen von Brych verzichten, um ihn zu schützen? Oder umgekehrt?


Nein. Er muss angesetzt werden. Erstens um das persönliche Trauma nicht zu vertiefen und auch für die Öffentlichkeit wäre es ein schlechtes Bild. Ein Fehler darf die jahrelange Leistung eines Sportlers nie in den Hintergrund rücken.


Sie wurden 2001 zum Buhmann für alle Schalke-Fans, Stichwort „Meister der Herzen”. Wie nahe ging Ihnen das, zumal Sie aus Ihrer Sicht richtig gehandelt haben?


Nicht nur aus meiner Sicht. Entscheidungen sind immer für und gegen eine Partei, dieser Umstand ist dir bewusst und unvermeidbar, wenn du dich der Verantwortung stellst. Aber es bewegt mich zutiefst, Menschen wegen meiner Entscheidungen weinen zu sehen. Wer liebt die positiven Emotionen nicht mehr?

 

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