Panorama U-Bahnbau in Köln: Erst Pfusch, dann Flut

Arbeiter fahren in Köln in die U-Bahn-Baustelle Foto: dpa

KÖLN - Die Kölner schütteln den Kopf: Nach den Enthüllungen und dem Pfusch muss die Stadt am Wochenende eine Großbaustelle fluten – weil die Wände nicht stabil genug sind, das Grundwasser auszuhalten.

 

In Köln kocht die Volksseele: Rund ein Jahr nach dem verheerenden Einsturz des Kölner Stadtarchivs (siehe unten) geht das Vertrauen der Bürger in die Beteiligten des U-Bahn-Baus gegen Null. „Ich bin schockiert“, sagt eine Kölnerin, die eine Informationsveranstaltung der Stadt besucht hat. „Die haben nichts im Griff, es wird immer erst im Nachhinein geprüft und ermittelt.“ Eine Folge des Pfuschs: Am Samstag muss in der Innenstadt eine Baugrube aus Sicherheitsgründen geflutet werden.

An der Haltestelle Heumarkt sollen bis Sonntagfrüh 14500 Kubikmeter Wasser eingepumpt werden. In den Wänden fehlen durch den Pfusch stabilisierende Eisenbügel. Doch das Grundwasser steigt seit Tagen. Die Flutung soll Druckausgleich bringen und so die Wände entlassen. Am Freitagnachmittag wurde die Flutung beschlossen.

Jochen Keysberg von der Baufirma Bilfinger Berger will die Gemüter beruhigen. „Die Flutung bedeutet nicht eine Reduzierung, sondern im Gegenteil eine Erhöhung der Sicherheit“, sagt er.

Ein Sprecher der Stadt erläutert: Die Statik tiefgelegener Baugruben sei von vornherein so bemessen, dass diese einer kontrollierten Vorflutung standhielten. Es bestehe keine Gefahr, dass die Grube überlaufen und Wasser in benachbarte Häuser eindringen könnte.

Das Ganze kostet etwa 10000 Euro, und es wird ein bis zwei Tage dauern, das Wasser später wieder abzupumpen. Schäden für die Baustelle seien nicht zu erwarten. Für die Anwohner bestehe keine Gefahr, betont Keysberg immer wieder.

Doch beruhigen lassen sich die Kölner nicht. Zu unbefriedigendist die bisherige Aufklärung des Bau-Pfuschs. Die fehlenden Eisenbügel sollen Bauarbeiter abgezweigt und bei Schrotthändlern verschachert haben. Außerdem wurden Messprotokolle gefälscht.

Eine Erklärung dafür, warum die Protokolle gefälscht und die Bügel nicht eingebaut wurden, habe man noch nicht gefunden, sagt Stefan Roth, Projektleiter der am Bau beteiligten Firmengemeinschaft. Ein Verkauf der Eisenbügel könne nur relativ kleine Erlöse gebracht haben, so dass womöglich noch andere Gründe hinter dem Diebstahl stecken könnten. Welche Gründe das sein könnten, wisse er nicht. Bilfinger Berger hatte wegen der Vorwürfe drei am U-Bahn-Bau beteiligte Mitarbeiter freigestellt.

Bisher ermittelte die Staatsanwaltschaft gegen einzelne Mitarbeiter wegen Betrugs und Diebstahls. Doch diese Vergehen sind womöglich schon verjährt. Beides verjährt nach fünf Jahren – die Entwendung von Stahlbügeln im Jahr 2004 könnte dann nicht mehr verfolgt werden. Weil durch das Fehlen der Stahlbügel aber eine Gefahr bestehen kann, ermittelt die Staatsanwaltschaft nun auch wegen Baugefährdung – die verjährt nicht.

Der in Köln lebende Schriftsteller und Journalist Günter Wallraff hat schon nach dem Einsturz des Archivs einen Untersuchungsausschuss gefordert – jetzt sieht er sich bestätigt. „Von allein wird hier nichts aufgeklärt und die Kölner Justiz ist überfordert“, sagt Wallraff. Die Ermittlungen richteten sich gegen Einzelne, für Wallraff steckt dahinter aber System. „Wenn nichts geschieht, kann es gut sein, dass irgendwann die nächste Katastrophe geschieht. Und dann ist das Geschrei groß und alle fragen: Wie konnte das nur passieren?“ ta

 

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