Panorama Nicht so rapide vergreisen

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... will ein Münchner Journalist (43) in der Midlife-Crisis. Über seine bizarren Selbstversuche als Werwolf beim Wrestling, im Nudistencamp und auf der Skischanze hat er ein Buch verfasst.

 

Titus Arnu dürfte zu den Menschen gehören, die in ihrem Leben mehr Wörter geschrieben als gesprochen haben. Sitzt man dem Münchner Journalisten gegenüber, sieht, wie beherrscht er sein Schnitzel zerteilt, kommt man nicht auf die Idee, was hinter der seelenruhigen Fassade lauert: Ein Typ nämlich, der die Grenzerfahrung sucht, sich in Nudistencamps herumtreibt, absichtlich von Skischanzen stürzt und als Werwolf verkleidet Wrestlingkämpfe veranstaltet. „In der Halbzeitpause ihres Lebens neigen Männer zu seltsamem Benehmen“, schreibt er in seinem neuen Buch „Nackt am Grill“ (List Verlag, 14,95 Euro, erscheint am 11. März). Auf 224 Seiten unternimmt er darin bizarre Selbstversuche.

AZ: Nacktyoga, Nudistencamp, Wrestling . . . Herr Arnu, ich bin 30 Jahre alt und verstehe nicht, warum Sie sich das alles antun!

TITUS ARNU: Ich war jung. Ich brauchte das Geld. Nein, stimmt nicht! Leider bin ich ja gar nicht mehr jung. Ich bin 43, und das ist auch mein Problem – und es war auch die Motivation, diese krassen Selbstversuche zu machen. Ich habe irgendwie etwas dagegen, dauernd älter zu werden. Extremsport und andere Grenzerfahrungen geben einem wenigstens kurzfristig das Gefühl, nicht so rapide zu vergreisen.

Muss man an seine Grenzen gehen, damit man sich wieder spürt?

Gespürt habe ich mich eigentlich die meiste Zeit, außer während einer Vollnarkose Anfang 2001. Man muss natürlich nicht an seine Grenzen gehen. Ich finde aber, dass man viel mehr erlebt und über sich selbst erfährt, wenn man eben nicht zuhause auf dem Sofa sitzen bleibt, sich irgendein langweiliges Zeug im Fernsehen anschaut und dann um zehn schlafen geht. Das ist vielleicht ungefährlicher als Wrestling oder Skispringen, aber auch extrem unspannend. Würden Sie ein Buch über jemanden lesen, der zehn Kapitel lang zu Hause auf dem Sofa sitzt?

Wahrscheinlich nicht. Trotzdem könnte man sich fragen, wem Sie was beweisen wollten.

In erster Linie meinem Hund. Ich will versuchen, genauso fit, schnell und zäh zu werden wie er. Ich habe es erst einmal geschafft, ihn abzuhängen, auf Skiern, da musste ich allerdings ziemlich Gas geben.

Welche Selbstkasteiung war denn die härteste?

Der Versuch, von selbst angebautem Gemüse zu leben. Eigentlich wollte ich mich einen Monat von Grünzeug ernähren, das ich in meinem Garten angebaut hatte. Es gab Mangold, Mangold, Mangold, Tomaten, Rucola, Kräuter, und dann wieder Mangold. Nach fünf Tagen war ich so schwach, dass ich mir eine Not-Pizza gekauft habe.

Kulinarisch abwechslungsreicher ist Ihr Gourmet-Marathon gewesen...

Stimmt, in Südfrankreich. Die Verpflegungsstationen lagen in Weingütern, es wurden gute Weine ausgeschenkt, dazu gab es Spezialitäten der Region - Gänseleberpastete, Ziegenkäse, Kuchen. Sehr lecker.

Welche Speise empfehlen Sie für Kilometer 38?

Mousse au chocolat. Das reicht dann kalorienmäßig gut bis ins Ziel.

Außerdem stand Nacktyoga mit acht Männern auf Ihrem Programm. Klingt eher ungeil.

Ja, und es war außerdem ziemlich anstrengend. Der Raum war völlig überhitzt, und wenn dann die nackten, schwitzenden Männerkörper anfangen, auf den Gummimatten zu herumzuquietschen, fühlt man sich extrem unsexy. Das riecht auch nicht so gut.

Im Nudistencamp haben Sie sich lieber etwas übergezogen...

Ja, weil mir kalt war. Das war aber ein schlimmer Faux-pas! Die Leute haben mich angestarrt, als sei ich ein Perverser, nur weil ich eine Badehose und ein T-Shirt anhatte. Ich habe mich tatsächlich dafür geschämt, angezogen zu sein.

Wo bewahrt man dort eigentlich Handy und Geldbeutel auf? Klemmt man das irgendwo ein?

Ich hatte eine Plastiktüte dabei. Aber die FKK-Profis tragen solche Bauchbeutel, in denen sie das Nötigste verstauen. Sieht ziemlich bescheuert aus.

Warum suchen Frauen seltener diese Grenzerfahrungen?

Weiß nicht, die sind vielleicht vernünftiger. Meine Frau sagt immer, eine Familie mit zwei Kindern, ein Hund, Arbeit und ein anstrengender Mann reiche ihr als Grenzerfahrung, da muss sie nicht noch Eisklettern oder so einen Quatsch machen.

Irgendwann sind Sie in eine echte, nicht selbst gewählte Gefahrensituation geraten...

Ja, das war auf einem Flug über die Alpen in einer Propellermaschine. Es gab einen Feueralarm, und die Maschine musste ziemlich schnell notlanden. Da hatten einige Leute an Bord Todesangst - und am Boden haben sie sich sofort beschwert, dass es nicht gleich einen Anschlussflug nach München gab. Ich fand, dass man sich in so einer Situation gut überlegen kann, was einem wirklich wichtig ist. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum man solche Grenzerfahrungen beim Extremsport sucht – um ans Wesentliche, Existenzielle zu kommen.

Im Buch bezeichnen Sie sich danach als „geläutert“, „in sich ruhend“ und „erwachsen“. Betreiben Sie jetzt nur noch Power-Origami und Extrem-Seidenmalerei?

Wäre vielleicht altersgerechter. Aber ich bin künstlerisch nicht so begabt – und Power-Papierfalten ist mir zu nervenaufreibend.

Interview: Timo Lokoschat

 

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