Panorama Lena siegt in Oslo: der Triumphzug

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Wie sich eine 19-jährige Abiturientin gegen gläserne Klaviere, Schneidbrenner und eine apricotfarbene Riesin durchsetzte und in drei Minuten ganz Europa eroberte

 

Um Mitternacht sind wir wieder was. Nicht mehr sauertöpfisch, pedantisch humorlos, typisch deutsch. Seit Sonntag Null Uhr sind wir richtig beliebt in Europa. Dänen, Spanier, Schweden, Esten und Schweizer – sie alle gaben „Twelve points to Germany“. Und SIE hat’s möglich gemacht. Lena Meyer-Landrut, die 19-jährige Abiturientin aus Hannover. Mit ihrem sympathisch unprofessionellen Gesang hat sie alle erobert – in drei Minuten. Was für eine Botschafterin!

Mit Riesenabstand gewann Lena mit ihrem „Satellite“ den Eurovision Song Contest in Oslo. 67 Punkte Abstand zu Platz 2. „Das hätte ich nie erwartet“, sagt Schauspieler und Eurovisions-Guru Georg Uecker stellvertretend für die Expertenzunft. Und Lena hat’s gemacht wie immer. Wie vor drei Monaten bei den ersten Bühnenversuchen bei „Unser Star für Oslo“, Stafan Raabs erfolgreichem Casting: Schwarzes Mini-Kleid, schwarze Strumpfhose, schwarze Pumps – und eine Ausstrahlung wie ein Komet am Nachthimmel.

„Ich hab voll Bock“, hat sie vor der Show gesagt, noch ohne grell geschminkten Kirschmund, hingefläzt neben ihren Entdecker Raab. Trotz abgedroschener Szene-Sprache, trotz des scheinbar aufgesetzten Selbstbewusstseins. Lena Meyer- Landrut ist nichts peinlich. Wieder nicht. Nicht vorher und nicht nach dem Sieg: „Ihr seid doch verrückt“, schreit sie, nachdem sie ihren Song nochmal gesungen hat, und dann: „Ich weiß jetzt auch nicht, wo ich hin soll, ich quatsch’ jetzt einfach mal.“

Das Glück stammelt da einfach so raus auf eine offene Art, der sich kaum einer entziehen kann. Von Gitte Haenning bis zu Claudia Roth, vom Ministerpräsidenten bis zum Hape Kerkling, vom intellektuelen Miesepeter bis zur Star-süchtigen Göre: Man liebt Lena. Sie zieht die Deutschland-Fahne über die Bühne der Telenor-Arena. Nicht so sehr als Symbol des Nationalen, wie es bei Biathletinnen oder Leichtathleten so oft rüberkommt. Schwarz-Rot-Gold als Accesssoire, wie eine Federboa, eine Stola – es steht ihr gut.

Ganz großes Theater, mag man meinen in diesem Moment. Doch das täuscht dann doch. Niemand will sich erinnern, was für eine windige Veranstaltung dieser Eurovision Song Contest, vormals Grand Prix d’Eurovison eigentlich ist. Und das liegt nicht nur an den Windmaschinen, die aus Kostenersparnis die teure Pyrotechnik zunehmend ersetzen und den Damen aus Reykjavik oder Baku die Frisuren zausen.

Wie seit Jahren entfaltet die Show magische Anziehung für Fremdschämer, die auch in diesem Jahr auf ihre Kosten kommen. Zwar muss man auf Nummer 14 warten, bis der erste Schneidbrenner Funken sprüht, aber immerhin kamen die Türken von „Manga“ mit der dem aufgeflexten Robocop auf Platz 2.

Viel schlechter erging es dem Spanier Daniel Diges, dem ein Clown aus dem Publikum – nun ja – die Show stahl. Dass der Witzbold „Jimmy Jump“ nicht dazugehörte zum hölzernen Puppenballet von Diges , musste einem aber erst gesagt werden. Daniel bekam einen zweiten Auftritt und Platz 15.

Abgestürzt ist auch Safura aus dem rohstoffreichen Aserbaidschan. Die Sängerin hat zwar Beine lang wie Ölbohrtürme, aber als singende Lichterkette landete sie nur auf Platz fünf. Das sind zwei Plätze besser als die Armenerin Eva Rivas, die uns von der Landessitte um einen „Apricot Stone“ singt. Apriocotfarben ist auch ihr Kleid, doch angesichts ihres prallen Mieders denkt man statt an Aprikosenkerne doch eher an Marillenknödel.

Was billige Effekte bewirken können, zeigt das gläserne Doppelklavier der Rumänen, die in Latex-Anzügen auf Platz 3 vordrangen.

Das alles soll den Triumph von Lena keineswegs schmälern. Man sollte nicht vergessen: Sie hatte nur drei Minuten, um in neun Ländern die maximale Punktzahl zu gewinnen. Und in der Slowakei, der Schweiz oder Schweden herrschte nicht der Medien-Overkill, der in Deutschland das Phänomen Lena begleitet. In Girliemagazinen finden sich Hymnen, das Feuilleton flicht Girlanden à la „die Jungmädchen-Erotik transzendiert ihre blickdichten Strumpfhosen.“

Darüber und über alles kann Lena Meyer-Landrut nur lachen, und über ihren Erfolg, den ihr fast jeder gönnt.

Matthias Maus

 

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