Panorama Islamisten wollen "Tausendundeine Nacht" zensieren

Im Berliner Friedrichstadtpalast läuft die Inszenierung «Wunderbar - die 2002. Nacht», eine Adaption von «Tausendundeine Nacht». Foto: dpa

KAIRO/ISTANBUL - Kein Werk der orientalischen Literatur hat die Leser in aller Welt so sehr verzaubert wie die Geschichte von Scheherazade, die den König Scharayar jede Nacht mit ihren farbigen Erzählungen bei Laune hält: "Tausendundeine Nacht" gilt als bedeutendes Stück Weltliteratur.

 

Doch im Orient wird dieses Meisterwerk, das Elemente aus Indien, Persien und der arabischen Welt enthält, wegen seiner erotischen Passagen immer wieder angefeindet.

Im islamischen Königreich Saudi-Arabien steht «Tausendundeine Nacht» auf dem Index. In Kairo befasst sich der Generalstaatsanwalt gerade mit einer Klage gegen das Werk, die eine Gruppe von Anwälten eingereicht hat. Die empörten Muslime fordern, die Verantwortlichen einer Behörde zu verurteilen, die kürzlich eine vom Kulturministerium subventionierte Ausgabe auf den Markt brachte. Die zwei Bände, die extrem günstig angeboten wurden, waren rasch ausverkauft.

Ein Exemplar des Buches, das von hübschen Sklavinnen, listigen Händlern und abenteuerlustigen Königen handelt, fiel auch den sittenstrengen ägyptischen Anwälten - zwei Frauen und acht Männer - in die Hände. Am 17. April übergaben sie den Justizbehörden eine Klageschrift. Darin zitieren sie einige Passagen aus dem Werk, die aus ihrer Sicht anstößig sind und deshalb «der öffentlichen Moral schaden». In diesen Auszügen geht es unter anderem um erotische Spielchen und die Frage, wie man Erektionsprobleme beheben kann.

Zu den Intellektuellen, die in der Klageschrift genannt werden, gehört auch der bekannte ägyptische Schriftsteller Gamal al-Ghitani («Das Buch der Schicksale»). «Diese Klage ist Teil einer Kampagne gegen Intellektuelle», sagt er. Die Islamisten hätten es aber nicht nur auf Kulturschaffende wie ihn abgesehen, sondern auch auf die Regierung, die sie durch ihre Klage zwingen wollten, Position zu beziehen. Faruk Husni, der ägyptische Kulturminister, hat dies auch schon getan. Er urteilte, die Forderung, «Tausendundeine Nacht» zu zensieren, sei ungefähr so absurd wie die Idee, Statuen und Reliefs des altägyptischen Fruchtbarkeitsgottes Min zu zerstören. Min wurde teilweise nackt und mit Phallus (erigiertem Penis) dargestellt.

«Natürlich ist "Tausendundeine Nacht" ein großartiges Werk, aber man sollte einige der Begriffe aus dem Bereich der Sexualität durch andere Wörter ersetzen. Das Arabische ist eine sehr reiche Sprache, deshalb wäre es leicht, sprachliche Alternativen zu finden», hält Magdi Abdul Halim Mohammed dagegen, der zu den Unterzeichnern der Klageschrift gehört.

Der Kulturminister, der kürzlich mit seiner Kandidatur für den Posten des UNESCO-Generalsekretärs gescheitert war, hat jedoch erklärt, er werde nicht zulassen , dass «dieses Stück Weltkulturerbe» zensiert wird. Dieser Meinung schließt sich auch die Arabistin Claudia Ott von der Universität Erlangen an, von der 2004 eine Neuübersetzung von «Tausendundeiner Nacht» erschienen ist.

Ott fordert: «Selbstverständlich muss die arabische "Tausendundeine Nacht" in ihrer gesamten, sehr komplexen Überlieferungsgeschichte respektiert werden. Man darf nicht einfach hingehen und einzelne Wörter zensieren.» Es sei Unsinn, das Buch auf die sittlich anstößigen Stellen oder Worte zu reduzieren. Schließlich stecke das Werk voller Koran-Zitate und der Islam sei «Grundlage der Lebensauffassung in den Geschichten».

Es ist nicht das erste Mal, dass sittenstrenge ägyptische Muslime die erotische Komponente der Erzählungen von Scheherazade zensieren wollen. 1985 hatten Islamisten die Justiz mit einer illustrierten libanesischen Ausgabe des Werkes konfrontiert, die in Ägypten verkauft worden war. Sie forderten das Gericht damals auf, zu prüfen, ob der Verlag den authentischen Text veröffentlicht habe. Doch eine verbindliche Standardfassung der spannenden Erzählungen, mit denen Scheherazade den König davon abhalten will, sie zu töten, gibt es nicht. Vielmehr kursieren mehrere Versionen, zu denen auch die nun neu veröffentlichte ägyptische «Bulak-Ausgabe» zählt.

Die Islamisten hatten damals zunächst ein Verbot des Werkes bewirken können, dieses wurde jedoch im Januar 1986 wieder aufgehoben. Der Richter sagte damals in seiner Urteilsbegründung, die erotischen Passagen dürfe man aus dem Zusammenhang reißen. Den Klägern gab er folgenden Satz mit auf den Weg: «Wenn jemand das Buch nur zur Lektüre dieser Passagen erwirbt, dann muss er entweder krank oder dumm sein.»

dpa

 

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