Panorama „Ich stehe auf Stahl“

Objektophile Menschen sind mit Gegenständen liiert, flirten mit Schrauben, Dampflokomotiven und Wolkenkratzern. Was hinter dem Drang zu Ding steckt

Liebe am Arbeitsplatz, selbst eine lesbische – das lockt niemanden mehr hinterm Ofen hervor. Ausnahme: Eine der beiden Partnerinnen ist ein Ofen!

So ähnlich wie bei Doro C., die ihre feste Freundin Susi seit vier Jahren in den Arbeitspausen besucht, offen bewundert und heimlich berührt. Dass die Angebetete nicht die Maße einer Heidi Klum, nicht mal die einer Hella von Sinnen hat, stört Doro kein bisschen. Sie liebt Susi so, wie sie ist: als elf Meter lange, vier Meter breite und drei Tonnen schwere Maschine, die hauptberuflich Rohre umbiegt.

„Manche mögen Blondinen, ich stehe halt auf Stahl“, sagt die 42-Jährige am Telefon zur AZ, freundlich, und so, als würde sie sagen „Ich stehe halt auf Brünett“. Die Frau ist schlagfertig, wirkt selbstbewusst und souverän. Trotzdem will Doro ihren vollen Namen, ihren Wohnort nicht in der Zeitung lesen. „Schreiben Sie bitte nur Süddeutschland.“

Als Teenager in eine Schraube verschossen

Dabei steht die Angestellte mit ihrem Drang zum Ding gar nicht so alleine da. Im Internet tauschen sich mehrere Dutzend Gleichgesinnte aus, die den Namen für ihre seltene sexuelle Präferenz selbst prägten. Sie nennen sich Objektophile, was aus dem Lateinischen übersetzt nichts anderes bedeutet als „die das Objekt Liebenden“. Gegenstand der Begierde kann prinzipiell alles sein: eine Dampflok zum Beispiel, eine Billardkugel, ein Schiff oder ein Flaschenöffner.

Als Teenager war Doro in eine Schraube verschossen. „So ein handgroßer Klopper, mit rundem Kopf, kreuzweise durchbohrt – nur eine jugendliche Schwärmerei.“ Später verguckte sie sich in den Turm eines Schachspiels. Bis Susi kam und ihn matt setzte.

Doro berichtet, wie alles anfing mit ihrer lackierten Lebensgefährtin: „2003 befand sie sich noch im Bau und ich dachte: Nanu, so eine Große, und in Weiß? Sieht ja fast aus wie eine Waschmaschine!“

Eine Schwäche für Stahl und blumige Formulierungen

So hörte sie sich auch an. „Was für andere nervtötendes Geratter war, empfand ich fast wie Musik. So warm, so tief“, sagt die Objektophile mit einer Schwäche für Stahl und blumige Formulierungen. „Sie hat sich auf gar nicht leisen Sohlen in mein Herz geschlichen.“ Dass Susi eine Susi ist und nicht etwa ein Manni, war Doro sofort klar: „Ich spürte auf Anhieb eine weibliche Präsenz.“

In der Fabrik weiß man von der Mensch-Maschine-Beziehung. „Ich habe mich nie versteckt“, sagt Doro entschieden. Wie die Kollegen reagieren? „Gelassen. Blöde Sprüche nehme ich mit Humor.“

Ein Vorgesetzter ließ Doro, die sonst unter anderem Metallgegenstände poliert, sogar eine Schicht an ihrem Schatz arbeiten. „Seit Hunderten von Teilen lebe ich in Susis Rhythmus, ihr Puls ist mein Puls“, notierte Doro euphorisch in ihr Tagebuch. „Die Spannzange schließt sich, der Schlitten fährt das Teil ins offene Werkzeug. Hinten drückt sie den Schieber zu.“ Ein Schelm, wer Schmutziges dabei denkt.

Teddy aus Stahl

Den Wunsch nach partnerschaftlichem Vollzug lösen die meisten Objektophilen recht pragmatisch – Doro hat daheim ein stark verkleinertes Modell aus Stahl. „Wer wird denn ohne Teddy ins Bett gehen?“, sagt sie und lacht.

Der Berlinerin Sandy K. (25) ist eher zum Weinen zumute. Eine Nachbildung ist das einzige, das ihr vom Partner geblieben ist. 2001 wurde er auf offener Straße von zwei Flugzeugen erschlagen. Er, das World Trade Center. „Obwohl mich der Verlust der Türme selbst am meisten schmerzt, fühle ich genauso mit den menschlichen Opfern“, lässt sie im Internet verlauten.

Ähnliches durchgemacht hat Rita Eklöf. Auch sie ist heute Witwe. Am Abend des 9. November 1989 war’s, als eine Horde schlecht angezogener Menschen ihr Herzblatt mit Hämmern malträtierte und in Stücke riss. Niemand griff ein, selbst die bewaffnete Polizei schaute nur zu. Wer konnte denn ahnen, dass der Fall der Berliner Mauer nicht nur die Herrschaft der SED zerstörte, sondern auch die Beziehung von Frau Eklöf? Bis heute steht „Eklöf-Mauer“ auf ihrem Klingelschild. Ein Doppelname halt.

"Die Mauer war mein Gatte"

Die Schwedin spricht von der „Wende“ als „Tragödie“, die sie versucht zu verdrängen – so gut es eben geht. „Ich bin an Politik nicht interessiert. Die Mauer war mein Gatte, so einfach ist das.“ Und: „Ich werde ihn immer lieben.“

Trotzdem macht sie inzwischen wieder anderen Objekten schöne Augen – flirtet mit Brücken, Zäunen und Eisenbahnschienen. „Sie alle sind rechteckig, haben parallele Linien und teilen etwas in zwei Teile. Das ist es, was mich physisch anzieht.“

Wissenschaftlich ist das Phänomen noch gänzlich unerforscht, es gibt keine anerkannte Definition, keine Theorie zu den Ursachen, keine Schätzungen zur Verbreitung. „Gut, bei manchen Männern kann man den Eindruck gewinnen, sie hätten eine Liebesbeziehung zu ihrem Auto“, sagt Stefan Woinoff, Münchner Facharzt für Psychotherapie. „Die Objektophilen dagegen lieben das Objekt an sich und wollen sich dadurch nicht in Szene setzen.“

Eine Maschine geht nicht fremd und zickt nicht herum

Der Experte vermutet einen „hohen romantischen Anteil“, eine „idealisierte Liebe, die durch einen real existierenden Menschen vielleicht zerstört würde“. Konkret: Eine Maschine geht nicht fremd und zickt nicht herum. Auf sie könne man, so Woinoff, alles projizieren – zum Beispiel Eigenschaften, die man sich vom Partner wünscht.

Aber wo bleibt die Gegenliebe? Diese Frage hat Doro offenbar schon öfter gehört, so spontan kommt und überlegt klingt ihre Antwort: „Ich will meine Beziehung nicht zu einem Tauschgeschäft degradieren“, sagt sie. „Meiner einer liebt um der Liebe willen – und ist damit vielleicht normaler als viele Normalos.“

Die meisten Objektophilen haben neben dem Objekt keinen Partner aus Fleisch und Blut. „Ich habe sehr schnell bemerkt, dass das nicht meine Baustelle ist – und bin reumütig zur Sache zurückgekehrt“, berichtet Doro, die trotzdem nicht sozial isoliert wirkt. Für die AZ war’s schwer, sie daheim zu erwischen, ständig ist sie auf Achse – dieses Mal nur im übertragenen Sinne.

Ein großer Schritt: das „Coming-Out“ bei der eigenen Mutter. Doch die reagierte am lässigsten auf ihre neue, halbautomatische Schwiegertochter. Susi werde zwar keine Enkelkinder vom Fließband lassen, dafür aber sicher auch nicht unangemeldet zum Kaffee kommen.

Timo Lokoschat

 

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