Panorama Amoklauf von Winnenden: „Papa, mach was!“

Illustration Foto: Gregor Feindt

Seine Tochter wurde von Tim K. erschossen. Finanzberater Hardy Schober hat deshalb seine Karriere aufgegeben und eine neue Lebensaufgabe: Er will Amokläufe verhindern.

 

Jana Schober hatte keine Chance. Um 9.30 Uhr betritt Tim K. das Klassenzimmer und schießt. „Sie war die Dritte, die hingerichtet wurde“, sagt ihr Vater Hardy Schober. Der Amokläufer schießt Jana direkt in den Kopf, zwei Stunden später verblutet das 15-jährige Mädchen. Das Klassenzimmer hat sich Schober danach angesehen, er wollte genau wissen, was wo wie passiert ist. Obwohl der Amoklauf von Winnenden fast ein Jahr her ist, kann er es manchmal immer noch nicht begreifen. „Das muss man sich mal vorstellen: Man möchte sein Kind doch immer beschützen. Man kauft einen Fahrradhelm, tut alles für ihre Sicherheit. Und dann gibt man sie in der Schule ab, wo man meint, sie ist sicher – und genau da passiert es.“

Der 50-Jährige sitzt in seinem Büro, hinter ihm hängen Plakate, die andere Schüler geschickt haben, um ihr Mitgefühl auszudrücken, an seinem Jacket steckt ein Sticker vom „Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden“. Seitdem Hardy Schober am 11. März seine Tochter verloren hat, ist er zum Experten geworden: für Amokläufe, für Waffengesetze, für Killerspiele. Seinen Job als Finanz- und Immobilienberater hat er aufgegeben, seine ganze Kraft steckt er in das Bündnis der betroffenen Eltern. „Meine verstorbene Tochter hat mir gesagt: ,Papa, mach was’“, erzählt er.

„Ihr Tod darf nicht umsonst gewesen sein“, ist ein Leitspruch des Bündnisses. Es setzt sich für bessere Gewaltprävention an Schulen ein, hat eine leichte Verschärfung des Waffengesetzes erreicht. Schober und seine Mitstreiter haben einen Förderverein gegründet, eine Stiftung ins Leben gerufen, eine Benefiz-CD („...die Liebe bleibt“, 15 Euro, fünf Euro davon gehen ans Aktionsbündnis) auf den Markt gebracht. Heute ist er beim Kreisjugendring angestellt, für den er ein Präventions-Netzwerk aufbauen will. „Wir haben noch viele Ziele. Wir müssen in der Gesellschaft etwas ändern“, sagt Schober, und das sagt er fast wie ein Politiker. Und irgendwie ist er das ja auch.

Der Politiker Schober sagt: „Wir wollen mit den Schützenverbänden zusammenarbeiten. Mit den Schützen, denen es nicht um Waffen, sondern um den Sport geht.“ So gebe es inzwischen technische Systeme, mit denen die Waffe nur im Verein mit Codes freigeschaltet werden kann. Außerhalb funktioniert sie nicht. Und er will das Verbot großkalibriger Waffen in Haushalten. „Eine Lehrerin wurde durch eine geschlossene Tür tödlich getroffen. Die Energie einer kleinkalibrigen Waffe hätte nicht ausgereicht, um die Tür zu durchschlagen.“

Der Vater Schober bekommt aber auch Drohbriefe von fanatischen Schützen. Er nennt sie „Wirtshausschützen“, das sind die Waffennarren, Leute, wie auch Tim K.s Vater einer war, der die Tatwaffe daheim im Nachttisch liegen hatte – frei zugänglich für seinen Sohn.

Tim K. hat 15 Menschen getötet: Acht Schülerinnen, einen Schüler und drei Lehrerinnen in der Albertville–Realschule, bei seiner Flucht erschoss er in einem Autohaus einen Mitarbeiter und einen Kunden, bevor er sich selbst umbrachte.

Manche der betroffenen Eltern verstehen Schober nicht. „Ich kann dem Tod meiner Tochter keinen Sinn geben“, sagt Psychiater Jurij Minasenko. Andere waren anfangs beim Aktionsbündnis dabei und stiegen wieder aus, weil sie es nicht schafften, sich jeden Tag mit dem Tod des Kindes zu konfrontieren. „Jeder Weg ist anders“, sagt Schober. Sein Weg ist die Aktion. „Wenn ich nichts getan hätte, wäre ich zugrunde gegangen.“

Schober weiß auch, dass manche in Winnenden abwinken, wenn sie das Wort Amok hören. „Es muss doch auch mal Ruhe einkehren“, sagt eine Frau, die in der Nähe der Realschule wohnt. „Man sollte das nicht ständig breittreten. Jetzt kommen sie dann alle wieder.“ Damit meint sie die Fotografen und Kamerateams, die zum Jahrestag anreisen.

Schober wird keine Ruhe geben: „Das ist meine Lebensaufgabe.“ Trotzdem wird der Politiker am Jahrestag in den Hintergrund treten, an diesem Tag wird er nur Vater sein, ein Mann, der seine Trauer nicht in Worte fassen kann. „Da wird alles hochkommen“, sagt er. Wie an Weihnachten, das erste ohne Jana. Oder am 30. Januar, Janas 16. Geburtstag. „Wir haben gefeiert, als wäre sie noch bei uns“, sagt Schober. Tränen stehen in seinen Augen, doch sein Blick ist fest.

Anfangs hat er sich in die Arbeit gestürzt. Bis seine jüngere Tochter Annabell sagte: Papa, mich gibt’s auch noch. „Sie sagte: ,Ich kann nichts dafür, dass meine Schwester gestorben ist. Ich will auch leben.’“ Seitdem nimmt er sich mehr Zeit für die Familie und versucht, hin und wieder wenigstens ein normales Leben zu führen, ins Kino gehen, zum Skifahren. Manchmal erschrickt er, wie erwachsen seine Zwölfjährige durch den Tod ihrer Schwester wurde. „Sie tröstet uns viel mehr, als wir sie“, sagt er ganz leise.

Tim K.s Vater wird vor Gericht kommen, weil er seinem Sohn illegal den Zugang zur Waffe ermöglichte – obwohl er wohl wusste, dass der psychisch labile Jugendliche Tötungsfantasien hatte. Hardy Schober wird dann da sein. „Ich möchte seine Augen sehen“, sagt er. Ihm geht es nicht um das Urteil. „Ich will keine Rache und es gibt keine Sippenhaft, aber ich möchte, dass darüber diskutiert wird. Ein Amoklauf ist kein Naturereignis, er ist von Menschen gemacht.“ Schober ist sicher, dass seine Tochter noch leben könnte, wenn Tims Eltern anders reagiert hätten. Er will helfen, dass andere Amokläufe verhindert werden.

Ein Schock sind Nachrichten wie die von Ludwigsburg, wo ein Ex-Schüler einen Lehrer erstach. „Ich weiß, dass dort nun andere das Gleiche erleiden müssen wie wir.“ Manchmal will er auch hinschmeißen. Doch Jana, da ist er sich sicher, spornt ihn an. „Sie lenkt mich“, sagt er. Jeden Tag geht Schober auf den Friedhof, wo Jana neben ihren Freundinnen Chantal, Steffi und Kristina begraben ist – alle vier Opfer von Tim K. Dort spürt er die Verbundenheit zu ihr besonders, dort holt er sich Kraft – und Bestätigung. „Ich denke, dass sie stolz auf ihren Papa ist.“

Tina Angerer

Kontakt zum Aktionsbündnis: Tel.07195/589570 oder amoklaufwinnenden@web.de

 

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