Ottmar Hitzfeld über den Triumph von Mailand „Innerlich bin ich explodiert“

Hitzfelds größter Triumph beim FC Bayern: Der Sieg in der Champions League 2001 nach dem 5:4 im Elfeterschießen gegen Valencia in Mailand. Foto: dpa

Ottmar Hitzfeld, der Trainer von Bayerns 2001er-Helden, erinnert sich – an Disco-Verbot, Druck und Kahns Klasse.

 

AZ: Herr Hitzfeld, Sie dürften dieser Tage recht entspannt sein. Als Nationaltrainer der Schweiz haben Sie einen ruhigen Mai, dem Monat der Entscheidungen in den Klubwettbewerben.

OTTMAR HITZFELD: Ja, das stimmt. Und das nächste Länderspiel wird auch ein ganz einfaches.

Gegen wen geht es denn in der EM-Qualifikation?

(lacht) Ach, nur gegen England, am 4. Juni in London.

Ein Kinderspiel! Doch lassen Sie uns auf den 23. Mai 2001 zurückblicken, den wohl größten Tag Ihrer Trainerkarriere. Noch lieber möchten wir über die Tage davor sprechen: die Anspannung, den Druck...

Oh ja, das war alles immens. Wir hatten in Hamburg die Meisterschaft gewonnen, zum dritten Mal in Folge. Eine großartige Leistung, aber der Europacup steht doch über allem.

Bleiben wir kurz in Hamburg, am 19. Mai 2001. Der Last-Minute-Freistoß von Patrik Andersson rettete nach dem 0:1-Rückstand Minuten zuvor die schon verloren geglaubte Meisterschaft. Danach wurde allerdings kaum gefeiert.

Weil ja vier Tage später das Champions-League-Finale anstand, ein großes Ziel. Wir waren am Abend nur essen mit der Mannschaft, haben nicht wirklich gefeiert. Es war nicht so, dass die Spieler nachts in die Disco gegangen sind.

Hatten Sie es Ihnen etwa untersagt?

Ja, klar. Ich hatte ein Verbot ausgesprochen, sonst gehen die Spieler ja dann noch mal richtig feiern und das kann man sich ein paar Tage vor so einem Highlight nicht erlauben auf diesem Niveau.

Neulich sagte Oliver Kahn, dass er angesichts der Ruhe auf dem Rückflug von Hamburg nach München gefragt hat: Leute, sind wir eigentlich gerade abgestiegen?

(lacht) Ja, das zeigt im Rückblick den Charakter der Mannschaft. Direkt nachdem wir die Schale bekommen hatten und wieder in der Kabine waren, haben wir uns auf Mailand eingeschworen. Wir konnten nicht zu euphorisch werden, nicht abheben. Das Problem: Die Spannung darf nicht abflauen. Man konnte ja nicht nach Mailand fliegen und einen Tag vor dem Finale gegen Valencia plötzlich sagen: Okay, jetzt konzentrieren wir uns mal eben wieder.

Wie wichtig war das Erlebnis von Hamburg für den Triumph von Mailand?

Eine Niederlage beim HSV wäre eine Katastrophe gewesen, wir hätten dieses Negativerlebnis erst verarbeiten müssen und schlechte Kritiken bekommen. Außerdem: Für einen Trainer ist es immer einfacher, zu bremsen als anzutreiben. Das erleichtert die Arbeit, man ist noch motivierter und muss innerhalb der Mannschaft keine Brände löschen.


Bilderstrecke: Die Nacht von Mailand - Als Bayern den Champions-League-Titel holte

Die einfache Formel also lautet: Ohne Hamburg kein Pott.

Es wäre natürlich erheblich schwerer geworden – gerade, weil wir ja auch im Finale gegen den FC Valencia früh in Rückstand geraten sind. Das hätte erhebliche Auswirkungen gehabt. Vor allem, weil wir 1999 in Barcelona gegen Manchester United auf dramatische Art und Weise verloren hatten. Damals hatten wir die letzten zwei Minuten vielleicht schon abgeschaltet. Und nach dem Erlebnis von Hamburg waren wir von uns überzeugt, haben nicht einmal nach dem Rückstand im Elfmeterschießen gegen Valencia an uns gezweifelt.

Wirklich keinen Moment?

Als Trainer ist man sich sicher, dass man das Ziel erreicht. Da gibt es keinen Zweifel. Punkt. Aus. Wenn Zweifel aufkommen, beseitigt man diese und sagt sich und der Mannschaft: wir gewinnen. Das ist das Wichtigste im Sport: Man muss drohende Niederlagen im Kopf ausblenden können.

In welchen Momenten herrschte bei Ihnen während des Finals die größte Anspannung?

Ganz klar beim zweiten Elfmeter von Stefan Effenberg (in der 50. Minute, d.Red.). Es stand 0:1, Mehmet Scholl hatte ja den ersten Elfer verschossen. Als Kapitän war es nun die Aufgabe von Effenberg, die Mannschaft zurück ins Spiel zu bringen. Er hat cool verwandelt – eine großartige Leistung. Aber ob wir ohne diesen Ausgleich zurück ins Spiel gefunden hätten, weiß ich nicht.

Stefan Effenberg und Oliver Kahn – das waren die Macher des Triumphes von San Siro, oder?

Vergessen Sie nicht Giovane Elber. Effenberg, Kahn, Elber – das war meine Achse, das war für mich als Trainer ein Geschenk des Himmels. Drei absolute Leadertypen, auch Elber war einer, der immer mal wieder Worte an die Mannschaft gerichtet hat. Alle drei absolute Winnertypen.

Es folgte das Elfmeterschießen – mit Happy End.

Das waren fantastische Gefühle, atemberaubend. Ein riesiger Adrenalinstoß. Als Oliver Kahn den letzten Ball gehalten hat, bin ich innerlich explodiert. Das war einer der schönsten Momente meiner gesamten Trainerlaufbahn.

Und dennoch haben Sie wenige Tage später dem damaligen Manager Uli Hoeneß Ihren Rücktritt angeboten.

Das stimmt. Die drei Meistertitel von 1999 bis 2001 und die beiden Champions-League-Finals hatten mich unheimlich viel Kraft, viel Substanz gekostet. Ich dachte, für mich wäre jetzt eine Pause angebracht. Darüber habe ich mich mit Uli Hoeneß auf dem Flug zu einem Testspiel nach New York unterhalten wollen. Doch er hat mich sofort unterbrochen und hat gesagt: Ottmar, das kommt überhaupt nicht in Frage. Im Nachhinein bin ich ganz froh, es folgten ja noch ein paar schöne Jahre.


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