Osterfestspiele Christian Thielemann dirigiert die "Meistersinger von Nürnberg"

Kinder! So kann ich nicht arbeiten! Georg Zeppenfeld als Sachs in den Salzburger "Meistersingern". Foto: OFS/Monika Rittershaus

Georg Zeppenfeld debütiert als Hans Sachs in den „Meistersingern“ unter Christian Thielemann

Erst verschwanden die grauen Vollbärte. Dann übernahmen den Sachs die heldischen, später - nach deren Verschwinden - die lyrischen Baritonstimmen. Bässe wirken väterlich, und das passt wenig zur neueren Aufführungstradition von Richard Wagners „Die Meistersinger von Nürnberg“, die den Witwer Sachs als ersthaften Rivalen Stolzings um die Gunst Evas erscheinen lässt.

Bei den Salzburger Osterfestspielen singt nach längerer Zeit nun wieder ein typischer seriöser Bass die Rolle des Schusterpoeten. Der Dirigent und künstlerische Leiter Christian Thielemann hat die Rolle Georg Zeppenfeld übertragen. Der trägt zwar einen kurzen Vollbart, hat aber als schlanker Mann mit eher schmalem Gesicht aber überhaupt nichts Väterliches an sich.

Thielemann wird immer lyrischer

Der 1970 im Westfälischen geborene Sänger ging die anstrengende Rolle in der Premiere im Großen Festspielhaus betont vorsichtig an. Zeppenfeld konzentrierte sich auf die großen Monologe. Er schonte sich für die berühmt-berüchtigte Schlussansprache, die er frei von jedem nationalistischen Dröhnen als elegische Klage über den Verlust von Werten interpretierte. Allein das rechtfertigt die Besetzung. Alles spricht dafür, dass Zeppenfeld weiter in die Rolle hineinwachsen wird. Einer der besten gegenwärtigen Vertreter der Rolle ist er schon jetzt. Die helle Höhe bleibt allerdings Geschmacksache.

Die Osterfestspiele bieten noch zwei weitere gute Bässe auf:  Vitalij Kowaljow als Pogner und Jogmin Park als Nachtwächter, dem vom Material her ohne weiteres der Pogner zuzutrauen wäre. Klaus Florian Vogt ist als Stolzing mit seinen unendlichen Reserven eine sichere Nummer, auch wenn er kein großer Gestalter mehr werden wird. Aber er sieht einfach gut aus. Adrian Eröd macht aus dem Beckmesser einen tragikomisch scheiternden Intellektuellen. Die etwas flackrige, recht konventionelle Eva (Jacquelyn Wagner) bleibt ein wenig blass.

Gar nicht national

Aber das Zentrum und Herz der Aufführung schlägt natürlich im Orchestergraben. Christian Thielemann hat seine Interpretation weiter verfeinert. Er dämpft die Staatskapelle Dresden lieber, statt aufzudrehen, begleitet sorgfältig und kehrt im Zweifel die lyrische Seite der Partitur heraus. Deutschnational dröht gar nichts, nicht einmal der Luther-Choral, trotz des effektvoll gehaltenen „Wach auf!“.

Die komödiantische und die ernste Seite befinden sich bei Thielemann in einer idealen Balance. Es ist ein großer Moment, wenn im ersten Akt bei Pogners Ansprache zum ersten Mal das Gekicher der Holzbläser endet und die tiefen Streicher eine schmerzliche Elegie bedrohter Bürgerlichkeit anstimmen.

Die Inszenierung gibt sich ambitioniert. Jens Daniel Herzog stellt anfangs den Chor in historischen Kostümen in eine gotische Kirche. Aber bald wird es hell, und es stellt sich heraus, dass es sich nur um Theater auf dem Theater handelt - in diesem Fall konkret um die Dresdner Semperoper, deren Proszenium die Bühne rahmt. Wenn die Inszenierung nach zwei Aufführungen dorthin wandert, mag das ein nettes Vexierspiel sein.

Mit Hinterbühnenzauber

Hans Sachs leitet dieses Opernhaus. Warum der Intendant und Chefregisseur auch als Hobby-Schuster arbeitet, darf man nicht fragen. Eine Drehbühne sorgt immer wieder für neuen Hinterbühnenzauber, aber spätestens auf der Festwiese löst sich Herzogs Grundidee in Luft aus: Das schaut dann aus wie in jedem Stadttheater, mit soviel Lortzing, wie es Wagner aushält (Bühne: Mathis Neidhardt). Und damit es ja nicht zu feierlich wird,  fährt beim „Wach auf“ wackelnd ein Baum aus dem Schnürboden, während im Hintergrund ein Arbeiter mit einem Scheinwerfer über die Bühne latscht.

Wegen der Regie fährt allerdings niemand zu den Osterfestspielen. Trotz Zeppenfelds herausragendem Sachs und einem guten Umfeld fehlten der Premiere die letzten zehn Prozent zum Ereignis. Dieser Eindruck mag auch vom von klanglichen Verzerrungen gebeutelten Platz des Rezensenten im Parkett des Großen Festspielhauses herrühren. Verlässliche Zeugen im Rang hörten keine dröhnende Basstuba und keine trüben Orchester-Mischklänge. Kartenpreisen bis zu 490 Euro ist diese Akustik heute nicht mehr angemessen.

Noch einmal am 22. April, 16 Uhr im Großen Festspielhaus, wenige Restkarten unter +43 662 8045 361

 

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