Orchester Jakobsplatz Daniel Grossmann über "Nigunim" von Moritz Gagern

Moritz Gagern, 1973 geboren in München, ist freischaffender Komponist. Er lebt seit 1995 in Berlin. Foto: René Löffler

Mit Klarinette, aber ohne Kitsch: Daniel Grossmann über den echten Klezmer und das Projekt "Nigunim" mit dem Orchester Jakobsplatz in der Muffathalle.

Der letzte Nachhall dieser jüdischen Volksmusik aus Osteuropa ist nur noch auf seltenen Aufnahmen der 1920er Jahre zu hören. Das Orchester Jakobsplatz um den Dirigenten Daniel Grossmann hat den Berliner Moritz Gagern mit der abendfüllenden Komposition „Nigunim“ für Klarinette und Orchester beauftragt. Sie versucht eine zeitgenössische Neudefinition von Klezmer auf der Grundlage des rauen Originals.

AZ: Herr Grossmann, Sie haben mir mal gesagt, dass Sie Klezmer nicht mögen. Warum dirigieren Sie jetzt ein Konzert mit dem Titel „Klezmer – keine Hochzeit ohne!“ in der Muffathalle?
DANIEL GROSSMANN: Ich habe ein Problem mit der Musik, die man heute unter Klezmer versteht: Giora Feidmann, Klarinette und ein paar Schrammler. Das ist meiner Meinung nach eine verkitschte Version von Klezmer.

Wie klingt der echte Klezmer?
Ich habe frühe Aufnahmen gehört, auf denen wirklich Musiker zu hören sind, die im Schtetl auf Hochzeiten gespielt haben. Das habe ich Moritz Gagern gegeben. Sein Stück „Nigunim“ enthält Transkriptionen dieser Musik, die in Galizien und der Westukraine von richtigen Orchestern und nicht nur von ein paar Musikern gespielt wurde. Außerdem hat Gagern Hochzeitsklezmer mit modernen Einschlägen komponiert – und eigene Musik, die darauf Bezug nimmt. Das ganze ist ein theatralisches Stück in vier Akten, das die Vorbereitung und Durchführung einer jüdischen Hochzeit zeigt.

Heißt das, dass es sich um ein szenisches Konzert handelt?
Nein, die vier Akte spielen sich nur in der Musik ab. Gagern hat ihnen Titel gegeben: Junggesellenabschied, Hochzeit, Bankett und Brauttanz. Der dritte Teil heißt „Prozessionen“ und bezieht sich auf den von Klezmermusik begleiteten Zug des Brautpaars durch das Dorf.

Was bedeutet der hebräische Titel „Nigunim“?
Melodie ohne Gesang.

Warum ist die originale Klezmer-Musik verloren?
Weil sie nie notiert wurde. Die Musik wurde von Generation zu Generation nur mündlich überliefert. Es gab auf Klezmer spezialisierte Musiker-Dynastien. Die meisten Musiker sind bereits Anfang des 20. Jahrhunderts bei den großen Pogromen in Russland geflüchtet. Viele gingen in die USA. Dort hat sich die Tradition mit der dortigen Musik vermischt. Daraus ist der Klezmer geworden, den wir heute kennen. Aber die ursprüngliche Rauheit, der Tanz- und Marschcharakter ist dabei verloren gegangen.

Warum ist die Klarinette das Haupt-Instrument des Klezmer?
Vor allem in den USA waren zwei Klarinettisten mit Klezmer sehr erfolgreich: Dave Tarras und Naftule Brandwein. Und dann in ihrer Nachfolge Giora Feidmann. Aber man kann nicht sagen, dass die Klarinette das typische Instrument der Schtetl-Musiker war. Dort hat man auch auf dem Zymbal gespielt, es gab viele Streichinstrumente.

Wie sind Sie auf Moritz Gagern gekommen?
Er komponiert viel Theatermusik und arbeitete auch als Dramaturg der Uraufführung von Jörg Widmanns „Babylon“ im Nationaltheater. Die Dramaturgen der Bayerischen Staatsoper haben uns zusammengebracht.

Sie wollen Gagerns „Nigunim“ aufnehmen und sammeln dafür über Crowdfunding Geld. Wieviel haben Sie schon beisammen?
Wir sind jetzt bei 5000 Euro. Das ist ungefähr die Hälfte der Summe, die wir brauchen, um unsere Version des Klezmer dokumentieren: Unterstützer auf den letzten Metern sind willkommen.

Warum gehen Sie mit „Nigunim“ ins Muffatwerk?
Es ist einer der letzten Konzertsäle, in dem wir noch nicht gespielt haben. Und ich wollte einen Raum nehmen, der nicht die Atmosphäre eines typischen Klassik-Konzerts vermittelt.

Wird Ihre Reihe im NS-Dokuzentrum fortgesetzt?
Ich habe dort vergessene jüdische Komponisten vorgestellt – und zwar nicht Viktor Ullmann und Erwin Schulhoff, sondern Musiker, die auch ich nicht kenne. Nach der Sommerpause geht die Reihe weiter, aber ich habe mich noch nicht für bestimmte Namen entschieden.

„Klezmer – keine Hochzeit ohne!“, Muffathalle, Dienstag, 23. Mai, 20 Uhr, Einlass 19 Uhr, 26 bis 36 Euro, Telefon 12 289 599

 

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