Erkrankter Ex-Spion Giftanschlag: London und Moskau im Krieg der Worte

Polizisten stehen vor dem Restaurant Zizzi, in der nähe des Ortes an dem am Vortag ein russischer Ex-Spion mit Vergiftungserscheinungen gefunden wurde. Foto: Steve Parsons/PA Wire/dpa

In britischen Geheimdienstkreisen schrillen die Alarmglocken: Ein russischer Ex-Agent und Frau werden mit einer unbekannten Substanz vergiftet. Wer oder was steckt dahinter?

 

London/Salisbury - Die rätselhafte Erkrankung eines russischen Ex-Spions in Großbritannien droht das ohnehin angespannte Verhältnis der beiden Länder weiter zu verschlechtern. Der „sehr ungewöhnliche Fall“ beschäftigt derzeit die britische Polizei. Moskau sieht sich dagegen zu Unrecht im Verdacht.

In der südenglischen Stadt Salisbury wurde am Wochenende ein Mann mit Vergiftungserscheinungen aufgefunden, bei dem es sich um den früheren Oberst des russischen Militärgeheimdienstes GRU, Sergej Skripal (66), handeln soll. Er war in Russland als britischer Spion verurteilt und bei einem Austausch, darunter auch Anna Chapman, 2010 freigelassen worden. Mit ihm wurde eine junge Frau vergiftet. Der BBC zufolge soll es sich um seine Tochter Yulia handeln. Beide liegen in „kritischem Zustand“ im Krankenhaus. Die Polizei geht davon aus, dass die beiden in Kontakt mit einer „unbekannten Substanz“ gekommen sind. Ein Pizza-Restaurant und ein Pub in Salisbury wurden vorübergehend geschlossen und von der Polizei abgeriegelt.

Beide Opfer in kritischem Zustand

Der Fundort der zwei Verletzten wurde dekontaminiert. Mehrere Mitglieder der Rettungskräfte wurden nach dem Einsatz untersucht. Alle bis auf einen seien inzwischen wieder aus dem Krankenhaus entlassen worden, hieß es gestern. Für die Öffentlichkeit soll aber keine Gefahr bestehen. In die Ermittlungen haben sich inzwischen die Spezialkräfte der britischen Polizei eingeschaltet, um herauszufinden, was hinter der mysteriösen Erkrankung steckt. „Wir sprechen mit Zeugen, wir nehmen kriminaltechnische Proben, wir machen toxikologische Untersuchungen“, sagte der Chef der Spezialkräfte, Mark Rowley, am Dienstag. Noch könne er aber keine Details preisgeben.

Rowley bestätigte, dass es in der Vergangenheit verdächtige Todesfälle mit Russland-Bezug gegeben hat. Er warnte aber vor voreiligen Schlüssen. "Ich glaube, wir müssen uns daran erinnern, dass russische Exilanten nicht unsterblich sind, sie sterben alle und es kann eine Tendenz zu Verschwörungstheorien geben", sagte Rowley.

Der Fall des in London vergifteten russischen Ex-Geheimagenten und Kremlgegners Alexander Litwinenko zeige aber, dass Wachsamkeit geboten sei (siehe unten). Der Kreml wunderte sich nicht über den Verdacht. Auch Ex-Agent Dmitri Kowtun vermutet eine Verschwörung gegen Moskau. Russland und seine Behörden sollten vor der Präsidentenwahl am 18. März diskreditiert werden. Der britische Außenminister Boris Johnson stellte gestern die Teilnahme Englands an der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland in Frage. Er kündigte ein „ernstes Gespräch über unseren Umgang mit Russland“ an, falls sich der Verdacht bestätigen sollte.

Britischer Außenminister Johnson warnt Moskau vor Konsequenzen

Der britische Außenminister Boris Johnson hat eine "angemessene und robuste Reaktion" angekündigt, sollte sich der Verdacht auf eine Rolle Moskaus in der mysteriösen Erkrankung eines russischen Ex-Spions in England erhärten. "Ich sage zu Regierungen in der ganzen Welt, dass kein Versuch, auf britischem Boden unschuldiges Leben zu nehmen, ohne Sanktionen oder ungestraft bleiben wird", betonte Johnson bei einer dringlichen Fragestunde am Dienstag im britischen Parlament in London.

Dabei hat Johnson auch die Teilnahme einer politischen Delegation aus Großbritannien an der kommenden Fußball-Weltmeisterschaft in Russland in Frage gestellt. Johnson kündigte ein "ernstes Gespräch über unseren Umgang mit Russland" an, falls sich der Verdacht bestätigen sollte, dass Moskau in den Vorfall involviert sei. "Und dann kann ich mir schwer vorstellen, wie wir im Juli zur WM fahren können", sagte Johnson.

Zunächst hatte es geklungen, als stelle er die Teilnahme der englischen Fußball-Auswahl am WM-Turnier in Frage. Quellen im Umfeld Johnsons betonten jedoch, dass der Außenminister nicht die Teilnahme der Mannschaft von Trainer Gareth Southgate gemeint habe.


Radioaktiver Tee als Waffe: Der Fall Litwinenko

Kremlgegner Alexander Litwinenko wurde 2006 in einem Londoner Hotel mit radioaktiv verseuchtem Tee vergiftet. Britische Behörden machen die Ex-Agenten Andrej Lugowoj und Dmitri Kowtun für den Anschlag verantwortlich, die das bestreiten. Sie entzogen sich einem Verfahren in Großbritannien und leben in Russland. Lugowoj machte politische Karriere als Parlamentsabgeordneter für die rechtsgerichtete Partei LDPR.

Der damalige russische Geheimdienstoffizier Alexander Litwinenko spricht im November 1998 während einer Pressekonferenz in Moskau.Der damalige russische Geheimdienstoffizier Alexander Litwinenko spricht im November 1998 während einer Pressekonferenz in Moskau. Foto: dpa

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading