Opernfestspiele im Nationaltheater Einer gegen alle in der "Elektra"

Evelyn Herlitzius und Waltraud Meier in "Elektra" im Nationaltheater. Foto: Wilfried Hösl

Nationaltheater: „Elektra“ von Richard Strauss mit der einstigen und der künftigen Bayreuther Isolde bei den Opernfestspielen

 

München Seinem Erstling hatte Richard Strauss noch in typischer Selbstironie ein Marterl im Garmischer Garten aufgestellt: „Guntram“ ruhe hier, „der vom symphonischen Orchester seines eigenen Vaters grausam erschlagen wurde“. Seinen folgenden Opernhelden brauchte Strauss keine Gedenktafeln mehr zu widmen, er hatte ein für allemal gelernt, die Sänger selbst mit einem riesenhaften Apparat nicht zuzudecken.

Es liegt also am Dirigenten Asher Fisch, wenn in dieser „Elektra“-Aufführung die orchestralen Massen der Bühne des Nationaltheaters stets bedrohlich nahe kommen. Wohlgemerkt fährt das Bayerische Staatsorchester eine diamanten-kalte Klangpracht sondergleichen auf, Fisch bildet in dieser Aufführung einen schweren, gefährlichen Blechpanzer zum Rückgrat aus, während die Holzbläser so plastisch intonieren, dass man oft den Eindruck hat, es würden unheimliche Stimmen Verwünschungen zischen. Doch damit fasst Fisch das Orchester symphonisch auf und wiederholt exakt den Fehler, den der Komponist selbst gemacht hatte.

Der Dirigent als Anheizer

Dazu kommt, dass Fisch, wiewohl mit ganz unaufgeregten Bewegungen, die Dramatik durchgängig nervös anheizt. Hier brennt die Lunte von Anfang an und die Bomben entladen sich in genau gesetzten Höhepunkten.

Die Sänger freilich werden zu sehr eingespannt, als dass sie sich voll entfalten könnten, obwohl sie von der Inszenierung Herbert Wernickes so angenehm in Ruhe gelassen werden. Am machtvollsten setzt sich Günther Groissböck als Orest durch, der auch durch sein körperbeherrschtes Spiel fesselt. Besonders Waltraud Meier, die gerade hochgefeiert ihr Leben mit der Wagnerschen Isolde beendete und nun die Klytämnestra mit samtener Tiefe als verletzliche Frau gibt, hätte gleichsam Schutz vor dem Orchester gebraucht.

Auch die Lebensenergien der Chrysothemis werden beschnitten, obwohl sie von einer ausgewiesenen Belcantistin wie Adrianne Pieczonka durchlebt werden. Einzig Evelyn Herlitzius kommt der orchestrale Überdruck entgegen, weil sie die Elektra kompromisslos physisch anlegt, fast veristisch. Sie, die in diesem Jahr die Bayreuther Isolde übernimmt, hat einen bewundernswerten Mut zu einer spröden Mitte, geräuschhaften Tiefe und einer unruhig flatternden Höhe. Ihr Kampf gegen das Orchester hat Sinn, weil er den beständigen Kampf der Elektra gegen die Außenwelt erfahrbar macht. Eine zum Bersten intensive, eine harte Verkörperung dieser entgrenzten Rolle.

 

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