Opernfestspiele: Axel Ranisch verlegt Joseph Haydns „Orlando paladino“ in ein Programmkino

Im vorigen Jahr brachte er die wohlgeordnete „Tatort“-Fernsehkrimiwelt mit dem improvisierten Krimi „Babbeldasch“ in Wallung. Nun inszeniert Axel Ranisch für die Bayerische Staatsoper die heroisch-komische Oper „Orlando paladino“ im Prinzregententheater. Ivor Bolton dirigiert das 1782 entstandene Werk im Prinzregententheater. Im Graben spielt das Münchener Kammerorchester.

AZ: Herr Ranisch, ganz am Ende der Besetzungliste stehen Gabi und Heiko Herz. Wer sind diese Herrschaften? Bei Haydn kommen sie nicht vor.
AXEL RANISCH: Ich habe die Handlung der Oper zu einem Stummfilmstoff gemacht, der in einem Programmkino läuft, betrieben von Heidi und Heiko Herz. Heiko wird von meinem Lieblingsschauspieler Heiko Pinkowski gespielt, Gabi Herz habe ich erst jetzt kennengelernt. Die beiden betreiben das Kino und zeigen täglich den Stummfilm „Medoro und Angelica“, bis die Figuren die Leinwand verlassen.

Sie bringen im Prinzregententheater also Ihre beiden Leidenschaften Oper und Kino zusammen. Wie entstand Ihre Liebe zur Oper?
Mein Vater ist Trainer für Kunst- und Turmspringen. Er brachte einmal von einer Trainingsreise aus Tschechien 20 Doppel-CDs mit klassischer Musik mit. Die habe ich mir als Kind gegriffen. Irgendwie war das meine Musik. Und sie ist es geblieben. Später habe ich immer die Samstage im Berliner Kulturkaufhaus verbracht, um mir vom Taschengeld wöchentlich eine CD zu kaufen. Statt Romanen habe ich Komponistenbiografien gelesen. Mit 13 oder 14 Jahren habe ich gemerkt, dass man mit Klassik auch wunderbar rebellieren kann, indem man Zwölftonmusik auflegt, wenn Mama von der Arbeit kommt.

Wann waren Sie zum ersten Mal in einer Oper?
Ich glaube, mit 13, als ich meinen Vater zu einer Europameisterschaft nach Wien begleitet habe. Er war in der Schwimmhalle, ich habe mir in der Volksoper Donizettis „L’elisir d’amore“ angeschaut. Aber ich kannte natürlich auch davor schon viele Opern von den CDs.

War da auch ein Haydn dabei?
Nein. Aber ich habe mich beim Inszenieren von „Orlando paladino“ gefragt, warum Haydns Opern so selten gespielt werden. Musikalisch ist das zu großen Teilen sensationell. Absolute Weltklassemusik. Wenn bestimmten Stellen aus dem Finale des ersten Akts im „Don Giovanni“ stünden, würde die ganze Welt sie kennen.

Es dürfte an den Texten liegen.
Gewiss. Das ist nicht so klug wie bei Lorenzo da Ponte.

Können Sie die Handlung in drei Sätzen erklären?
Orlando ist unsterblich in Angelica verliebt. Die aber liebt Medoro und wird von ihm wiedergeliebt. Aus diesem Grund möchte Orlando Medoro umbringen. Und dann gibt es noch den Ritter Brodomonte. Auch er gibt vor, in Angelica verliebt zu sein. Aber das alles ist Projektion: Wenn im Finale des ersten Akts alle Männer mit Angelica in einem Raum zusammen sind, muss sie sich zu Wort melden, um von ihnen bemerkt zu werden. Im zweiten Akt beginnt die Geschichte wieder von vorn – bis Orlando in einer Art Nahtoderfahrung von seiner Liebe befreit wird.

Das klingt sehr barock. Sind die Figuren nicht weit weg von uns?
Die Grundhaltung, kopflos zu lieben, kennen wir alle. Wenn ich mit einer Kamera näher an die Figuren herangehe, hole ich sie ein Stück weit näher an uns heran.

Haben Sie die Stummfilmsequenzen wirklich gedreht oder gibt es nur Videos?
Das waren relativ aufwendige Vorproduktionen mit allen Schikanen. Die filmische Begleitung spielt in allen drei Akten eine Rolle. Am Anfang stelle ich das Personal des Kinos vor – die Familie Herz, den Hausmeister, die Putzkraft. Die lernen wir alle kennen, inklusive ihrer geheimen Leidenschaften.

Sind Programmkinobetreiber wirklich allesamt so schrullig?
Klar. Ein ganz eigenes Völkchen. Ich war viel mit meinen Filmen unterwegs. Da gibt es viele Kinos, die von Familien in der zweiten oder dritten Generation betrieben werden und in denen viele skurrile Leute arbeiten.

Premiere heute 19 Uhr im Prinzregentheater. Wenige teure Restkarten. Die weiteren Aufführungen am 25., 27. und 29. Juli sind ausverkauft