Oper im Hubertussaal Im Gewurl der Hormone

Turbulent geht es zu bei Puccinis "La Bohème" im Hubertussaal. Foto: Opera incognita

Opera Incognita bringt Puccinis „La Bohème“ ins Kammerformat des Hubertussaals

 

Am grattligen Christbaum hängen Dessous. Und wenn steile Stilettos um die Ecke stöckeln, kommen die Hormone erst recht ins Rotieren. Nur der Retro-Versuch, mit ein paar Fetzen brennenden Papiers die karge Bude zu heizen, erinnert an all die romantisierenden „Bohèmes“, die zwischen Saint Germain und Montparnasse kitschelnd um die große Liebe kreisen. Da wollte Regisseur Andreas Wiedermann partout nicht landen, und also packte er Giacomo Puccinis Endlosschlager der Opernbühne in eine Studenten-WG.

Pizzaschachteln, Bierdosen, eine abgesessene Couch und ein alter Bosch – sehr viel mehr braucht’s nicht, um eine packende Story auszubreiten. Opera Incognita beweist das mit schöner Regelmäßigkeit, und säßen die Lenker millionenfressender Staatstheaterbetriebe im Hubertussaal, sie hätten dauerrote Ohren.

Dazu liegt im Abspeckprogramm ein spezieller Reiz, Wiedermann konzentriert sich auf sein Personal, auf Befindlichkeiten (die im postpubertären Übermut zuweilen den Kindergeburtstag heraufbeschwören) und führt die dramatische Großform ins intime Kammerspiel (schön wie sich etwa die Barbie-Musette der Maria Vigdis Kjartansdottir zur fühlenden Frau wandelt).

Den fehlenden Chor empfindet man nicht als Manko, die gerade mal zehn Musiker, die vom großen Orchester geblieben sind, nicht als Diätkost. Denn Ernst Bartmann hat seiner Mini-Truppe wieder eine Partitur verpasst, die sich aufs Wesentliche konzentriert. Dafür geht diesmal einiges an Präzision verloren – die Musiker in einer Reihe der Bühne, und man agiert ein bisschen aneinander vorbei, die Einsätze der Sänger sind für Bartmann nur zu erahnen.

Doch die Incognita-Leute haben Lust, das Gros könnte eh leicht auf größeren Bühnen bestehen (Maxim Matiuschenkov als Marcello, Florian Dengler als Schaunard). Martin Summer (Colline), der mit Boris-Wumm ans Werk geht, dürfte seinen Bass noch zurücknehmen. Auch Rodrigo Trosino hat ein bisschen viel schluchzenden Villazón geguckt, findet aber im Duett mit der wunderbar warmtönenden, eindringlichen Dorothee Koch zu anrührendem Schmelz. Dass sich diese wasserstoffblondierte Junkie-Mimi am Ende den goldenen Schuss setzt, auch das geht irgendwie in Ordnung.

Hubertussaal, Schloss Nymphenburg, noch am 30. und 31. Mai 2013, 20 Uhr

 

0 Kommentare