Oper Genf Wagner beim Wort genommen

Dieter Dorn bei einer Probe mit Petra Lang (Brünnhilde). Foto: Pardoi, GTG

Die Fortsetzung von Dieter Dorns „Ring des Nibelungen“ am Opernhaus in Genf: Richard Wagners „Walküre“ szenisch brav erzählt – musikalisch dank Ingo Metzmacher ein Ereignis

 

Die Nornen mühen sich wiederum ab, zu Beginn der ersten beiden Akte das Schicksalsfaden-Knäuel über die Bühne zu rollen, die Jürgen Rose in dunklen Farben sparsam bebildert hat. Mit der Weltesche im ersten Akt und verschiebbaren Wand- und Spiegelelementen, die mal Hundings Hütte, mal das Felsengebirge oder den Walkürenfelsen andeuten. Während Wotan seiner Lieblingstochter Brünnhilde das von Fricka aufgezwungene Schicksal Siegmunds verkündet, werden sie zum ausweglosen Spiegelkabinett als Symbol für Wotans Machtverlust und den Niedergang der Götter.

Dieter Dorn und Rose nehmen Wagner wörtlich. Pferde werden von der Statisterie imitiert, Grane wird Brünnhilde im Spielzeugformat hinterher getragen. Zum Walkürenritt ziehen die acht Damen (sehr achtbar gesungen) ihre jüngsten Opfer auf die Bühne.

Nichts Neues, aber kann man einem Regisseur das bei der umfangreichen Interpretationsgeschichte zum Vorwurf machen? Dank Dorns Personenführung entsteht ein intensives Kammerspiel, von dem keine zusätzlichen Bilder und Deutungen ablenken. Vieles ereignet sich am Bühnenrand, was der Textverständlichkeit zu Gute kommt. Gegen Ende des dritten Akts stellen sich leider schauspielerische Ermüdungserscheinungen ein; das Kammerspiel mutiert ein wenig zum Rampensingen.

Auf der Höhe der Zeit ist, was Ingo Metzmacher mit dem Orchestre de la Suisse Romande aus dem Graben hören lässt, das übrigens – wie in Bayreuth – ohne Auftrittsapplaus einsetzt. Mag die anfängliche Sturmmusik noch etwas wattig distanziert klingen, so sorgen Metzmacher und die Schweizer Musiker in der Folge für einen durchsichtig modulierten Klang, der einen das Werk ähnlich wie bei Kirill Petrenko in Bayreuth neu entdecken lässt. Metzmacher entwickelt die musikalische Textur aus dem Wort heraus. Er nimmt das mit heller, klanglicher Schönheit aufwartende Orchester – mit kleinen Hängern im zweiten Akt – zu Gunsten der Sänger zurück. Mit der Folge, dass man dem erzählenden Charakter im ersten und zweiten Aufzug wunderbar folgen kann. Selten hört man schließlich die raffinierte Klangarchitektur des Walkürenritts mit den springenden Rhythmen der Hörner und Fagotte so deutlich wie jetzt in Genf.

Sängerisch zeigt der Abend die zwei Seiten des Wagnergesangs. Auf der einen Seite der edel-timbrierte, lyrische und dabei erstaunlich kräftige Will Hartmann als Siegmund, der dank Metzmachers Rücksichtnahme auch die „Wälse“-Rufe mühelos meistert und sich perfekt in dessen Konzept einfügt. Michaela Kaune ist in diesem Setting seine adäquate, meist sicher leuchtende Schwester Sieglinde. Auf der anderen Seite der routinierte, im dritten Akt schwächelnde Tom Fox als Wotan sowie die expressive, mächtige Petra Lang als Brünnhilde. Für sie ist Durchschlagskraft keine Frage. Auf die Dauer irritiert nur ihr Anstemmen der Töne. Elena Zhidkova gibt wieder eine souveräne Ehehüterin Fricka, Günther Groissböck einen misstrauischen Hunding mit fahler Schwärze und Wucht.

Infos: www.geneveopera.ch

 

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