Omas 100. Jahr Münchner Fotograf hat seine Großmutter ein Jahr begleitet

„Ich wollt’ nicht hundert Jahre alt werden, aber der Herrgott hat es in der Hand, und jetzt bin ich halt hundert“, sagt Barbara Unverzart. „Ich bete viel, aber ein Vaterunser, damit ich alt werde, hab ich noch nie gebetet.“ Foto: Olaf Unverzart

Der Münchner Fotograf Olaf Unverzart hat seine Oma mit der Kamera begleitet – vom 99. bis zum 100. Geburtstag.

 

München - Bezaubernd und ernüchternd, liebevoll und schonungslos zugleich: Ein Jahr lang hat der Münchner Fotokünstler Olaf Unverzart (* 1972) seine Großmutter Barbara (* 1915) mit der Kamera begleitet und ihren Alltag in Bildern festgehalten – exakt von ihrem 99. bis zu ihrem 100. Geburtstag im vergangenen Dezember. Sein Fotobuch „Hundert“ ist jetzt bei Fountain Books Berlin erschienen.

Es sei nicht schwer gewesen, seine Oma von dem gemeinsamen Projekt zu überzeugen, sagt Unverzart. „Sie mag meine Arbeit, und sie mag mich.“ Die größere Herausforderung sei gewesen, „dass der Ereignisradius einer 100-Jährigen doch relativ klein ist: Es passiert eigentlich nichts. Sie sitzt auf dem Sofa, wäscht sich, geht ins Bett.“ Eine Nachbarin stirbt, die Großmutter stürzt und muss im Krankenhaus behandelt werden, immer ist der Enkel mit der Kamera dabei.

Die Bilder, die dabei entstehen, bleiben ungeschönt. Auch damit ist sie einverstanden. „Meine Großmutter hat immer gesagt: Ja, so isses.“

Man habe heutzutage vor allem zwei Gruppen von Senioren vor Augen, sagt Olaf Unverzart: die kranken, die ins Heim abgeschoben würden, und die aktiven, die als Werbezielgruppe herhalten müssten. Doch auf Menschen aus der Generation seiner Großmutter, Menschen, die seit Jahrzehnten im selben 60-Einwohner-Dorf lebten, träfe beides nicht zu: „Für sie hat das Leben eher etwas damit zu tun, den Tod abzuwarten – seit 20 Jahren.“

Leben als psychische und physische Belastung

Denn sowohl psychisch als auch physisch sei das Leben zur Belastung geworden. Die Tage sind lang, der Körper schmerzt, die Sinne lassen nach. „Wenn ich in der Früh aufwache, sag ich: Ja, in Gotts Namen, wieder ein Tag“, ist die gläubige alte Dame im Buch zitiert.

Trotzdem wirkt Barbara Unverzart auf vielen Bildern zufrieden. „Für mich ist das schon erstaunlich“, sagt der Enkel, der beruflich viel reist: „Dass sie nur vier Mal rausgekommen ist und dennoch nicht das Gefühl hat, etwas verpasst zu haben.“ Seine Oma sei zum Beispiel nie geflogen. „Aber sie sagt immer, sie habe alles gesehen: das Meer und die Berge. Diese Demut und Bescheidenheit waren eine sehr schöne Erfahrung für mich.“

Nach Abschluss des Projektes bangte der Künstler eine Zeit lang um seine Oma. „Ich hatte die Befürchtung, dass sie abbaut, wenn der 100. Geburtstag vorbei ist, und tatsächlich hatte sie einen Durchhänger von zwei, drei Wochen. Aber dann hat sie’s wieder gepackt, weil sie ein neues Ziel hat: Meine Schwester zieht jetzt zu ihr ins Haus.“

Außerdem sei seine Großmutter durch das Buch, über das schon das Fernsehen berichtet habe, ein richtiger Star in ihrem Dorf, und das gefalle ihr durchaus. „Sie ist stolz auf mich – und ich bin stolz auf sie.“

 

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